Schönheit ist eine Sache des Charakters
Malen und zeichnen Sie gerne? Ich schon, aber bis ich diese
Kunst auch nur einigermaßen zum Hausgebrauch anwenden konnte,
war es ein weiter Weg: Der Kunstunterricht in den staatlich
verordneten Schulen war nämlich eine Zeit kreativen Overkills,
denn ich bin in einer Zeit der Batik-Tücher, des Salzgebäcks,
der Bauernmalerei, des Granulat-Schmelzens, der Woll-Pompons,
der Makramee-Eulen und der dick geknüpften Tischläufer groß
geworden. Auch sorgfältig gestaltete Schlummerrollen und
fantasievoll aus Wollresten gehäkelte Topflappen gehörten in
das eiserne Repertoire dieser Zeit. Alle diese Techniken
beherrsche ich nach wie vor aus dem Effeff – weigere mich
aber, sie anzuwenden, da sie nachhaltige Traumata in meinem
empfindsamen Gemüt hinterließen. Noch heute steht mir der
Schweiß auf der Stirn, wenn ich auf einem Flohmarkt oder in
einem nicht aufgeräumten Keller auf derartige Machwerke aus den
späten 60er und den 70er Jahren stoße. Nein, keine der
raffinierten Retro-Vermarktungen in denen olle geschmacklose
Kamellen als „kultig“ angepriesen werden, können mich
beirren: Dinge, die aus der Farm und Formharmonie geraten sind,
sind und bleiben hässlich.
Wie anders war da der feinsinnige VHS-Kurs gewesen, den ich im
zarten Teenager-Alter belegt hatte. „Malen ist gucken! Malen
ist das Verstehen von Form und Farbe ...“. Erstmalig nahm sich
jemand die Zeit, mir einmal zu erklären, wie Formen erfasst
werden können; was Farbe und Schattierung bewirken und wie ein
Farbkreis wirklich funktioniert. Bereits das Erstlingswerk –
ein gezeichneter Wanderschuh neben zwei Felssteinen –
ermutigte mich dazu, weiter zu machen und die Fragen, die ich
mir stellte, mit Pinseln und Stiften zu beantworten.
So lernte ich, dass erst einmal die Form gestalterisch vor der
Farbe geht, dass aber beide untrennbar und nur miteinander
wirken. Wie funktioniert das in einer Bildkomposition (oder der
Anlage eines Gartenbeetes)? Klar: Zuerst werden die großen und
markanten Formen einzeln oder in geringer Anzahl positioniert.
Dann folgen die kleineren, vielleicht flacheren Formen und
zuletzt alles, was eventuelle Lücken auf ästhetische Weise
schließt. Im Klartext: Dreieckiges, Längliches, Aufstrebendes
zuerst; dann Stumpfkegeliges, Kugeliges und Halbkugeliges und
zuletzt Flächiges, Mattenförmiges, Verbindendes.
Farbe kann dem Charakter einer Form entsprechen und ihn stärken;
oder die Formaussage mildern. Ein tiefblauer, aufrecht
wachsender Rittersporn etwa hat eine entschiedenere, prägnantere
Wirkung als ein Rittersporn im pastellen Rosé, der viel verträumter
erscheint. Möchte man aber gerade eine solche unwirkliche,
verwunschene Wirkung in einem Beet weiter ausbauen, bietet sich
der flankierende Einsatz unregelmäßiger Formen an. Wolkig
unterbrochene Kugeln, etwa von Schleierkraut (Gypsophila) oder
Amstelraute (Thalictrum); feine hängende Blauregentrauben (Wisteria),
zarte Polster aus fedrigen Nelken (Dianthus) oder knittrig
wirkenden Sonnenröschen (Helianthemum) wirken in entsprechend
gepuderten Tönen heiter und romantisch. Aufrecht wachsende
Pflanzen haben dann eher feine, entfaltende Blüten – so
kommen die wunderschönen Wieseniris (Iris sibirica) in Frage.
Der verträumte Effekt wird noch weiter verstärkt, indem man
Pflanzen mit raffinierten Panaschierungen und Musterungen
einsetzt. Beispielsweise liefert das Kaukasusvergissmeinnicht (Brunnera)
durch seine Sorten ’Jack Frost’ oder ’Hadspen Cream’
solche außerordentlich attraktiven und pflegeleichten
Gartenpflanzen. Das gestalterische Geheimnis besteht im Auflösen
der gewohnten Konturen der Blätter – die gesamte Szenerie fügt
sich zusammen wie ein impressionistisches Gemälde von Claude
Monet.
Ein anderer Maler bringt in seinen Gartengemälden hingegen den
Charakter eindeutiger Formen besonders plakativ auf den Punkt.
Emil Nolde setzt gewöhnlich sehr kräftig gefärbte Blüten wie
Mohn oder Sonnenblumen in seinen Kompositionen ein, und auch die
Blätter bekennen klar Form und intensiv Farbe.
Diese beiden sehr unterschiedlich vorgehenden Künstler
demonstrieren uns das Wesen der Formen und Farben und den Umgang
mit ihnen besonders gut. Doch Blumen sind weit mehr, als
lediglich Form- und Farblieferanten in unseren Beeten. Wäre dem
so, könnten wir gestalterische Ziele wesentlich leichter durch
Installieren von passend geformten Kunststoffen, Glas und Stahl
erreichen, die längst nicht so pflegeintensiv sind wie
Buchsbaum, Rose und Co..
Pflanzen haben Charakter. In jeder Pflanzenbeschreibung, die
etwas taugt, findet man neben den „harten Form- und
Farb-Fakten“ in cm und womöglich sogar präziser
Farbkartierung auch menschlich wirkende Attribute, die die Persönlichkeit
einer Pflanze skizzieren. Das verträumte Vergissmeinnicht, das
bescheidene Veilchen, die prachtvolle Pfingstrose – das ist
erst einmal eine holzschnittartige, grobe Unterteilung der Arten
und Gattungen.
Bei spezielleren Beschreibungen einzelner Sorten wird es meist
noch deutlich poetischer. Rosenfarben etwa werden mit feurig
durchglühtem Wein (’Porta Nigra’), schmelzender Morgen-
oder Abendröte (’Inspiration’), sanftem Mondlicht
(’Elina’) oder schimmerndem Satin (’Awakening’)
verglichen. Ganze Pflanzengestalten lassen sich als dominant
(Steppenkerze); elegant (Lilien) oder penetrant (Geranium)
charakterisieren und man weiß genau, wie mit dieser oder jener
Pflanze umgegangen werden kann.
Erst einmal angefangen mit dieser Herangehensweise, verführt
sie dazu, Pflanzen noch menschlicher zu beschreiben. Ich habe
das einmal an einem Maiabend gemeinsam mit Freunden bei meinen
blühenden Bartiris, die eine Party im Beet feierten,
durchgespielt: Zuerst haben wir überlegt, ob die Sorten eine männliche
oder eine weibliche Ausstrahlung haben. Dann sahen wir uns die
gesamte Erscheinung an und näherten uns mit weiteren
Attributen. Die robuste, niedrige und zuverlässige rehbraune
’Gingerbread Man’ etwa ist ein fröhlicher Kumpeltyp, den
man gern immer wieder sieht. Die höhere dunkelrotbraune ’Red
Zinger’ ist ein mehr geheimnisvoller, aber sehr netter
Nachbar, der immer zu einem diskreten Flirt aufgelegt ist und es
faustdick hinter den Ohren hat. Vielleicht will er mit der
feineren ’Helen Proctor’, die ihr elegantes
„Schwarzblaues“ angelegt hat, anbändeln. Sie ist so ein
„Audrey Hepburn-Typ“ bei den Bartiris. Falls sie sich scheu
und leicht nervös zurückzieht, wäre da immer noch die fröhliche
’Antarctique’, die ein süßes Parfüm aufgelegt hat. Sie
erscheint in Blütenweiß mit einem Petticoat aus gewellt
abstehenden zartlila Hängeblättern. Etwas vergeistigter ist
der nette, coole, hellblaue Typ aus dem Philosophie-Seminar –
’Morgendämmerung’ ist sein Name – und er schaut
fasziniert zum geschmackvoll aber auffällig bunt in Gelb,
Violett gedressten ’Brown Lasso’, das als fröhliches
Partygirl gute Laune verbreitet.
Sind wir bereits bei den einzelnen menschlich zugewiesenen
Charakteren, lassen sich in Gartenbeeten ganze Opern
inszenieren. Legen wir uns doch einmal gedanklich das Libretto
zurecht, vergegenwärtigen uns die unsterblichen Melodien und
stellen uns vor, Gartenregisseur der „Zauberflöte“ von
Mozart zu sein und wir müssten die Protagonisten casten:
Der jugendliche Held Tamino (rein blauer Rittersporn
’Atlantis’) versucht die liebliche, anmutige Pamina (warm
rosa Rose ’Aloha’ – die ältere Strauchrose, nicht die
neue Kletterrose von Kordes) zu erringen. Ähnlich, wenn auch
deutlich verspielter, geht es Papageno (Kokardenblume
’Kobold’) der der fröhlichen Papagena (rot-gelbe Taglilie
’Frans Hals’ oder ’Jean’) zu Füßen liegt. Die
kompromisslose Königin der Nacht (schwarze Stockrose ’Nigra’)
verfolgt ihre eigenen Ziele, bei denen ihr das düsterlaubige
Gefolge der drei Damen (Ophiopogon, Aster ’Lady in Black’
sowie Anthriscus ’Raven’s Wing’) gemeinsam mit Monostratos
(Heuchera micrantha ’Palace Purple’), ’Hilfe leistet.
Aller trüber Figuren Gegenspieler Sarastro ist die majestätische
purpurfarbene Päonie (... vielleicht die späte ’Fokker’)
und ihm stehen die Mitglieder des Sonnenkreises zur Seite, die
in hellstem Gelb (Mädchenauge ’Moonbeam’) und geläutertem
Weiß erglänzen. Schleierkraut und die weiße, niedrige Aster
’Kristina’ wären eine gute Wahl dabei. Last not least müssen
die drei Knaben, die immer wieder als gute Wegweiser auftreten,
in Form von Königslilien zu finden sein und die grimmigen Wächter,
die das Labyrinth bewachen, sind selbstverständlich zwei
Obelisken, die mit stacheligen roten Kletterrosen (’Momo’)
berankt sind.
Bleibt nur noch sich zu entscheiden, ob man die Figuren an der Bühnenkante
antreten lässt, oder ob man sie szenisch einsetzt.
Die drei Damen, die Tamino und Papageno das Kommen der Königin
ankündigen? Pamina, die von Monostratos bewacht wird und deren
Mutter sie zum Mord aufstacheln will? Sarastro in den Heiligen
Hallen? Tamino und Pamina, die vor dem Labyrinth von den Wächtern
gewarnt werden? Papageno und Papagena, die von einer großen
Kinderschar träumen? Das Aufstrahlen der Sonne und das Weichen
der dunklen Figuren? (Hier würde ich als Accessoire eine große
goldene Rosenkugel einsetzen; denn die Sonne ist keine Person
der Oper und sollte konsequenterweise nicht als Pflanzenakteur
hinzukommen.)
Was ist passiert? Weit über die Form- und Farbensprache hinaus
haben Pflanzen ihren Charakter entfaltet. Sie sind in der Lage,
uns Geschichten zu erzählen. Ein Beet wandelt sich vom bloßen
Deko-Rahmen für sommerliche Grillfeste zum vitalen Ensemble,
das mit uns in Zwiesprache steht. Farbe und Form lassen sich auf
dem Reißbrett anordnen, sicher. Die wahre Schönheit und Seele
liegt um sie herum und zwischen den Linien und Flächen. Sie
liegt im Auge eines jeden Betrachters, der sie zulässt.
Andreas Barlage, „schreibender Gartenenthusiast", lebt in
Porta Westfalica. |