Illertisser Gartenlust 2006 - Kolumnen
 
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01. Andreas Barlage | vorherige | nächste |
 

Schönheit ist eine Sache des Charakters 

Malen und zeichnen Sie gerne? Ich schon, aber bis ich diese Kunst auch nur einigermaßen zum Hausgebrauch anwenden konnte, war es ein weiter Weg: Der Kunstunterricht in den staatlich verordneten Schulen war nämlich eine Zeit kreativen Overkills, denn ich bin in einer Zeit der Batik-Tücher, des Salzgebäcks, der Bauernmalerei, des Granulat-Schmelzens, der Woll-Pompons, der Makramee-Eulen und der dick geknüpften Tischläufer groß geworden. Auch sorgfältig gestaltete Schlummerrollen und fantasievoll aus Wollresten gehäkelte Topflappen gehörten in das eiserne Repertoire dieser Zeit. Alle diese Techniken beherrsche ich nach wie vor aus dem Effeff – weigere mich aber, sie anzuwenden, da sie nachhaltige Traumata in meinem empfindsamen Gemüt hinterließen. Noch heute steht mir der Schweiß auf der Stirn, wenn ich auf einem Flohmarkt oder in einem nicht aufgeräumten Keller auf derartige Machwerke aus den späten 60er und den 70er Jahren stoße. Nein, keine der raffinierten Retro-Vermarktungen in denen olle geschmacklose Kamellen als „kultig“ angepriesen werden, können mich beirren: Dinge, die aus der Farm und Formharmonie geraten sind, sind und bleiben hässlich. 

Wie anders war da der feinsinnige VHS-Kurs gewesen, den ich im zarten Teenager-Alter belegt hatte. „Malen ist gucken! Malen ist das Verstehen von Form und Farbe ...“. Erstmalig nahm sich jemand die Zeit, mir einmal zu erklären, wie Formen erfasst werden können; was Farbe und Schattierung bewirken und wie ein Farbkreis wirklich funktioniert. Bereits das Erstlingswerk – ein gezeichneter Wanderschuh neben zwei Felssteinen – ermutigte mich dazu, weiter zu machen und die Fragen, die ich mir stellte, mit Pinseln und Stiften zu beantworten. 

So lernte ich, dass erst einmal die Form gestalterisch vor der Farbe geht, dass aber beide untrennbar und nur miteinander wirken. Wie funktioniert das in einer Bildkomposition (oder der Anlage eines Gartenbeetes)? Klar: Zuerst werden die großen und markanten Formen einzeln oder in geringer Anzahl positioniert. Dann folgen die kleineren, vielleicht flacheren Formen und zuletzt alles, was eventuelle Lücken auf ästhetische Weise schließt. Im Klartext: Dreieckiges, Längliches, Aufstrebendes zuerst; dann Stumpfkegeliges, Kugeliges und Halbkugeliges und zuletzt Flächiges, Mattenförmiges, Verbindendes. 

Farbe kann dem Charakter einer Form entsprechen und ihn stärken; oder die Formaussage mildern. Ein tiefblauer, aufrecht wachsender Rittersporn etwa hat eine entschiedenere, prägnantere Wirkung als ein Rittersporn im pastellen Rosé, der viel verträumter erscheint. Möchte man aber gerade eine solche unwirkliche, verwunschene Wirkung in einem Beet weiter ausbauen, bietet sich der flankierende Einsatz unregelmäßiger Formen an. Wolkig unterbrochene Kugeln, etwa von Schleierkraut (Gypsophila) oder Amstelraute (Thalictrum); feine hängende Blauregentrauben (Wisteria), zarte Polster aus fedrigen Nelken (Dianthus) oder knittrig wirkenden Sonnenröschen (Helianthemum) wirken in entsprechend gepuderten Tönen heiter und romantisch. Aufrecht wachsende Pflanzen haben dann eher feine, entfaltende Blüten – so kommen die wunderschönen Wieseniris (Iris sibirica) in Frage. Der verträumte Effekt wird noch weiter verstärkt, indem man Pflanzen mit raffinierten Panaschierungen und Musterungen einsetzt. Beispielsweise liefert das Kaukasusvergissmeinnicht (Brunnera) durch seine Sorten ’Jack Frost’ oder ’Hadspen Cream’ solche außerordentlich attraktiven und pflegeleichten Gartenpflanzen. Das gestalterische Geheimnis besteht im Auflösen der gewohnten Konturen der Blätter – die gesamte Szenerie fügt sich zusammen wie ein impressionistisches Gemälde von Claude Monet. 

Ein anderer Maler bringt in seinen Gartengemälden hingegen den Charakter eindeutiger Formen besonders plakativ auf den Punkt. Emil Nolde setzt gewöhnlich sehr kräftig gefärbte Blüten wie Mohn oder Sonnenblumen in seinen Kompositionen ein, und auch die Blätter bekennen klar Form und intensiv Farbe. 

Diese beiden sehr unterschiedlich vorgehenden Künstler demonstrieren uns das Wesen der Formen und Farben und den Umgang mit ihnen besonders gut. Doch Blumen sind weit mehr, als lediglich Form- und Farblieferanten in unseren Beeten. Wäre dem so, könnten wir gestalterische Ziele wesentlich leichter durch Installieren von passend geformten Kunststoffen, Glas und Stahl erreichen, die längst nicht so pflegeintensiv sind wie Buchsbaum, Rose und Co..

Pflanzen haben Charakter. In jeder Pflanzenbeschreibung, die etwas taugt, findet man neben den „harten Form- und Farb-Fakten“ in cm und womöglich sogar präziser Farbkartierung auch menschlich wirkende Attribute, die die Persönlichkeit einer Pflanze skizzieren. Das verträumte Vergissmeinnicht, das bescheidene Veilchen, die prachtvolle Pfingstrose – das ist erst einmal eine holzschnittartige, grobe Unterteilung der Arten und Gattungen. 

Bei spezielleren Beschreibungen einzelner Sorten wird es meist noch deutlich poetischer. Rosenfarben etwa werden mit feurig durchglühtem Wein (’Porta Nigra’), schmelzender Morgen- oder Abendröte (’Inspiration’), sanftem Mondlicht (’Elina’) oder schimmerndem Satin (’Awakening’) verglichen. Ganze Pflanzengestalten lassen sich als dominant (Steppenkerze); elegant (Lilien) oder penetrant (Geranium) charakterisieren und man weiß genau, wie mit dieser oder jener Pflanze umgegangen werden kann. 

Erst einmal angefangen mit dieser Herangehensweise, verführt sie dazu, Pflanzen noch menschlicher zu beschreiben. Ich habe das einmal an einem Maiabend gemeinsam mit Freunden bei meinen blühenden Bartiris, die eine Party im Beet feierten, durchgespielt: Zuerst haben wir überlegt, ob die Sorten eine männliche oder eine weibliche Ausstrahlung haben. Dann sahen wir uns die gesamte Erscheinung an und näherten uns mit weiteren Attributen. Die robuste, niedrige und zuverlässige rehbraune ’Gingerbread Man’ etwa ist ein fröhlicher Kumpeltyp, den man gern immer wieder sieht. Die höhere dunkelrotbraune ’Red Zinger’ ist ein mehr geheimnisvoller, aber sehr netter Nachbar, der immer zu einem diskreten Flirt aufgelegt ist und es faustdick hinter den Ohren hat. Vielleicht will er mit der feineren ’Helen Proctor’, die ihr elegantes „Schwarzblaues“ angelegt hat, anbändeln. Sie ist so ein „Audrey Hepburn-Typ“ bei den Bartiris. Falls sie sich scheu und leicht nervös zurückzieht, wäre da immer noch die fröhliche ’Antarctique’, die ein süßes Parfüm aufgelegt hat. Sie erscheint in Blütenweiß mit einem Petticoat aus gewellt abstehenden zartlila Hängeblättern. Etwas vergeistigter ist der nette, coole, hellblaue Typ aus dem Philosophie-Seminar – ’Morgendämmerung’ ist sein Name – und er schaut fasziniert zum geschmackvoll aber auffällig bunt in Gelb, Violett gedressten ’Brown Lasso’, das als fröhliches Partygirl gute Laune verbreitet. 

Sind wir bereits bei den einzelnen menschlich zugewiesenen Charakteren, lassen sich in Gartenbeeten ganze Opern inszenieren. Legen wir uns doch einmal gedanklich das Libretto zurecht, vergegenwärtigen uns die unsterblichen Melodien und stellen uns vor, Gartenregisseur der „Zauberflöte“ von Mozart zu sein und wir müssten die Protagonisten casten:

Der jugendliche Held Tamino (rein blauer Rittersporn ’Atlantis’) versucht die liebliche, anmutige Pamina (warm rosa Rose ’Aloha’ – die ältere Strauchrose, nicht die neue Kletterrose von Kordes) zu erringen. Ähnlich, wenn auch deutlich verspielter, geht es Papageno (Kokardenblume ’Kobold’) der der fröhlichen Papagena (rot-gelbe Taglilie ’Frans Hals’ oder ’Jean’) zu Füßen liegt. Die kompromisslose Königin der Nacht (schwarze Stockrose ’Nigra’) verfolgt ihre eigenen Ziele, bei denen ihr das düsterlaubige Gefolge der drei Damen (Ophiopogon, Aster ’Lady in Black’ sowie Anthriscus ’Raven’s Wing’) gemeinsam mit Monostratos (Heuchera micrantha ’Palace Purple’), ’Hilfe leistet. Aller trüber Figuren Gegenspieler Sarastro ist die majestätische purpurfarbene Päonie (... vielleicht die späte ’Fokker’) und ihm stehen die Mitglieder des Sonnenkreises zur Seite, die in hellstem Gelb (Mädchenauge ’Moonbeam’) und geläutertem Weiß erglänzen. Schleierkraut und die weiße, niedrige Aster ’Kristina’ wären eine gute Wahl dabei. Last not least müssen die drei Knaben, die immer wieder als gute Wegweiser auftreten, in Form von Königslilien zu finden sein und die grimmigen Wächter, die das Labyrinth bewachen, sind selbstverständlich zwei Obelisken, die mit stacheligen roten Kletterrosen (’Momo’) berankt sind.
Bleibt nur noch sich zu entscheiden, ob man die Figuren an der Bühnenkante antreten lässt, oder ob man sie szenisch einsetzt. 
Die drei Damen, die Tamino und Papageno das Kommen der Königin ankündigen? Pamina, die von Monostratos bewacht wird und deren Mutter sie zum Mord aufstacheln will? Sarastro in den Heiligen Hallen? Tamino und Pamina, die vor dem Labyrinth von den Wächtern gewarnt werden? Papageno und Papagena, die von einer großen Kinderschar träumen? Das Aufstrahlen der Sonne und das Weichen der dunklen Figuren? (Hier würde ich als Accessoire eine große goldene Rosenkugel einsetzen; denn die Sonne ist keine Person der Oper und sollte konsequenterweise nicht als Pflanzenakteur hinzukommen.) 

Was ist passiert? Weit über die Form- und Farbensprache hinaus haben Pflanzen ihren Charakter entfaltet. Sie sind in der Lage, uns Geschichten zu erzählen. Ein Beet wandelt sich vom bloßen Deko-Rahmen für sommerliche Grillfeste zum vitalen Ensemble, das mit uns in Zwiesprache steht. Farbe und Form lassen sich auf dem Reißbrett anordnen, sicher. Die wahre Schönheit und Seele liegt um sie herum und zwischen den Linien und Flächen. Sie liegt im Auge eines jeden Betrachters, der sie zulässt. 

Andreas Barlage, „schreibender Gartenenthusiast", lebt in Porta Westfalica.