Illertisser Gartenlust 2006 - Kolumnen
 
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02. Silke Kluth | vorherige | nächste |
 

Von Paukenschlagfarben und Gänsehautkompositionen

Supermarktmusik ist da, ohne präsent zu sein: Ich höre sie gar nicht. So ähnlich kommen mir viele Pflanzenkompositionen vor. Ich sehe sie gar nicht. Ihnen fehlt eine abwechslungsreiche, gut strukturierte Melodie aus Farben und Formen, ein Spannungsbogen, der auf einen Höhepunkt zuarbeitet, auf einen Paukenschlag, der Akzente setzt und den Blick damit auf das Gesamte lenkt. Ich mag es, wenn es kracht. Wohl dosiert und wohl durchdacht, natürlich.
Das war nicht immer so. Doch wenn man es in gut einem Dutzend Jahren immer wieder mit Meistern ihres Fachs zu tun hat, wird man anspruchsvoll. Es ist so eine Art Erziehungssache.
Das Fundament meiner Antenne für das Besondere legte 1997 der Maler Ton ter Linden in seinem heute leider nicht mehr existierenden Garten im niederländischen Ruinen. Er gärtnerte so, wie er malte und ließ die Blütenfarben dementsprechend aquarellähnlich ineinander fließen. Er konnte es nicht leiden, wenn die Dinge zu sanft und sentimental wirken. Folglich setzte er sogar in seine sowieso schon kraftvoll leuchtende Rabatte in Gelb, Terrakotta und Orange hin und wieder einen provokanten Tupfer heftiges Rot. Ich nahm es zur Kenntnis, denn auch ohne das Rot war ich von der meterhoch wogenden, heiß glühenden Rabatte atemlos begeistert.
Ein Jahr später brachte der Besuch im Garten „Versicolor“ von Marianne und Frans Meijer in Lutjewinkel nördlich der niederländischen Stadt Alkmaar meine „Erziehung“ in Sachen Farbgeschmack einen entscheidenden Schritt weiter. Bei „Versicolor“ ist der Name Pflanzprogramm: Die Konzeption aller Beete und Gartenräume basiert auf Farbe. Besonders beeindruckte mich damals der Farbkreis. Man betritt einen runden Gartenteil. Zur Rechten blüht es weiß. Lässt man den Blick den Kreis entlang immer weiter schweifen, gehen die Blüten über Creme, Gelb, Orange, Rot, Purpur und Violett in Blau und schließlich, zur Linken, in Hellblau über. Gekonntes Handwerk – vor allem, weil die Pflanzentüftler den Plan vom Papier in den Garten fast ohne Nachbesserungen umzusetzen vermochten. Gezündet hat in meinem Hinterkopf jedoch ein anderes Beet: ein Farbexperiment in Apricot, Lachs, Pink und Orange. „Wenn dieses Beet auf seinem Höhepunkt ist, dann schreien die Leute,“ diktierte mir Marianne Meijer in den Block. Ich bewunderte sie für ihr Selbstbewusstsein. Und schärfte derart sensibilisiert allmählich selber Auge und Geist für das besondere Farberlebnis.
Geht nicht, gibt’s inzwischen nicht mehr. Knackige Kombinationen, wie Pink und Orange, die in den Siebzigern durchaus „shocking“ gemeint waren und selbst in den Folgejahren zu schrill und zu laut für die Sehgewohnheiten daherkamen, sind nun salonfähig normal und somit auch gartentauglich geworden. Und alltäglicher.
Nicht nur deshalb fesseln heute eher andere Eindrücke meinen Blick. Außergewöhnliche Farbkompositionen verursachen zwar immer noch eine glückselige Gänsehaut. Allerdings müssen sie nun für mich subtiler sein. Wenn die auberginefarbene, becherförmige Tulpe ‘Queen of Night’ inmitten von verspielten Akeleiblüten in allen Schattierungen zwischen Mauve, Violett und Dunkelpurpur sowie einigen sich zur kugelrunden Perfektion entfaltenden lila Zierlauchblumen ‘Purple Sensation’ über dem zarten Akeleienlaub schwebt – das hat was nach dieser sonst in meinen Augen vor lauter (und lautem) Gelb und Rot strotzenden, gerade zu Ende gehenden Tulpenzeit. Dunkellaubige Purpurglöckchen (Heuchera) in Gesellschaft von magentafarbenem Geranium und gelbgrünen Frauenmantel- oder Euphorbienblüten lassen mein Herz höher schlagen. In der Kombination aus zartem Limonengrün, hellem Zitronengelb und reinem Blau steckt für mich die ganze Leichtigkeit eines müßigen Sommertags. Erstaunlich, wie sehr graulaubige Pflanzen, z. B. Artemisien und Lavendel, den Silberhauch kühl rosa blühender Rosen verstärken können!
Schier umgehauen haben mich zwei Kabinettstückchen der Gartenfotografin Ursel Borstell. Eine Momentaufnahme des ersten: Durch das große, purpur schimmernde Laub des Breit-Wegerichs (Plantago major ‘Atropurpurea’) schmiegen sich die seltsam zwischen Blau, Purpur und Grün changierenden und ebenso seltsam blättrig geformten Blüten der Großen Wachsblume (Cerinthe major). Dazwischen ragen nadelig fein belaubte, blau blühende Jungfer im Grünen (Nigella) hervor. Eine Atmosphäre die sich kaum beschreiben lässt – magisch, vielleicht, oder mystisch; auf jeden Fall einzigartig (schon allein deshalb, weil bereits im Folgejahr die ganz in der Nähe wachsende Schellenblume (Adenophora tashiroi) mit ihren dicken Pfahlwurzeln das Terrain für sich eroberte). Zum anderen paarte Ursel Borstell Blauen Lerchensporn (Corydalis flexuosa ‘Purple Leaf’) mit seinen gerade eben so hellflieder angehauchten, ansonsten reinblauen Blüten in einem Pflanzgefäß mit Hornveilchen. Aber was für Hornveilchen: orange bis hellbronze ihr Gesicht und zart fliederlavendel die Ohren. Die reinste Unverschämtheit! Und in Kombination mit den stäbchenförmigen, fast insektenartigen Lerchenspornblüten einfach nicht zu fassen. 
Sie merken es: Die Form ist inzwischen für mich genauso wichtig geworden, wie die Farbe. Derlei Kompositionen schätzen gelernt zu haben, bedeutet jedoch keineswegs, sie ebenfalls entwerfen zu können: Ich für meinen Fall kopiere noch.


Silke Kluth ist freie Gartenjournalistin & Redakteurin.