Von Paukenschlagfarben und Gänsehautkompositionen
Supermarktmusik ist da, ohne präsent zu sein: Ich höre sie gar
nicht. So ähnlich kommen mir viele Pflanzenkompositionen vor.
Ich sehe sie gar nicht. Ihnen fehlt eine abwechslungsreiche, gut
strukturierte Melodie aus Farben und Formen, ein Spannungsbogen,
der auf einen Höhepunkt zuarbeitet, auf einen Paukenschlag, der
Akzente setzt und den Blick damit auf das Gesamte lenkt. Ich mag
es, wenn es kracht. Wohl dosiert und wohl durchdacht, natürlich.
Das war nicht immer so. Doch wenn man es in gut einem Dutzend
Jahren immer wieder mit Meistern ihres Fachs zu tun hat, wird
man anspruchsvoll. Es ist so eine Art Erziehungssache.
Das Fundament meiner Antenne für das Besondere legte 1997 der
Maler Ton ter Linden in seinem heute leider nicht mehr
existierenden Garten im niederländischen Ruinen. Er gärtnerte
so, wie er malte und ließ die Blütenfarben dementsprechend
aquarellähnlich ineinander fließen. Er konnte es nicht leiden,
wenn die Dinge zu sanft und sentimental wirken. Folglich setzte
er sogar in seine sowieso schon kraftvoll leuchtende Rabatte in
Gelb, Terrakotta und Orange hin und wieder einen provokanten
Tupfer heftiges Rot. Ich nahm es zur Kenntnis, denn auch ohne
das Rot war ich von der meterhoch wogenden, heiß glühenden
Rabatte atemlos begeistert.
Ein Jahr später brachte der Besuch im Garten „Versicolor“
von Marianne und Frans Meijer in Lutjewinkel nördlich der
niederländischen Stadt Alkmaar meine „Erziehung“ in Sachen
Farbgeschmack einen entscheidenden Schritt weiter. Bei „Versicolor“
ist der Name Pflanzprogramm: Die Konzeption aller Beete und
Gartenräume basiert auf Farbe. Besonders beeindruckte mich
damals der Farbkreis. Man betritt einen runden Gartenteil. Zur
Rechten blüht es weiß. Lässt man den Blick den Kreis entlang
immer weiter schweifen, gehen die Blüten über Creme, Gelb,
Orange, Rot, Purpur und Violett in Blau und schließlich, zur
Linken, in Hellblau über. Gekonntes Handwerk – vor allem,
weil die Pflanzentüftler den Plan vom Papier in den Garten fast
ohne Nachbesserungen umzusetzen vermochten. Gezündet hat in
meinem Hinterkopf jedoch ein anderes Beet: ein Farbexperiment in
Apricot, Lachs, Pink und Orange. „Wenn dieses Beet auf seinem
Höhepunkt ist, dann schreien die Leute,“ diktierte mir
Marianne Meijer in den Block. Ich bewunderte sie für ihr
Selbstbewusstsein. Und schärfte derart sensibilisiert allmählich
selber Auge und Geist für das besondere Farberlebnis.
Geht nicht, gibt’s inzwischen nicht mehr. Knackige
Kombinationen, wie Pink und Orange, die in den Siebzigern
durchaus „shocking“ gemeint waren und selbst in den
Folgejahren zu schrill und zu laut für die Sehgewohnheiten
daherkamen, sind nun salonfähig normal und somit auch
gartentauglich geworden. Und alltäglicher.
Nicht nur deshalb fesseln heute eher andere Eindrücke meinen
Blick. Außergewöhnliche Farbkompositionen verursachen zwar
immer noch eine glückselige Gänsehaut. Allerdings müssen sie
nun für mich subtiler sein. Wenn die auberginefarbene, becherförmige
Tulpe ‘Queen of Night’ inmitten von verspielten Akeleiblüten
in allen Schattierungen zwischen Mauve, Violett und Dunkelpurpur
sowie einigen sich zur kugelrunden Perfektion entfaltenden lila
Zierlauchblumen ‘Purple Sensation’ über dem zarten
Akeleienlaub schwebt – das hat was nach dieser sonst in meinen
Augen vor lauter (und lautem) Gelb und Rot strotzenden, gerade
zu Ende gehenden Tulpenzeit. Dunkellaubige Purpurglöckchen (Heuchera)
in Gesellschaft von magentafarbenem Geranium und gelbgrünen
Frauenmantel- oder Euphorbienblüten lassen mein Herz höher
schlagen. In der Kombination aus zartem Limonengrün, hellem
Zitronengelb und reinem Blau steckt für mich die ganze
Leichtigkeit eines müßigen Sommertags. Erstaunlich, wie sehr
graulaubige Pflanzen, z. B. Artemisien und Lavendel, den
Silberhauch kühl rosa blühender Rosen verstärken können!
Schier umgehauen haben mich zwei Kabinettstückchen der
Gartenfotografin Ursel Borstell. Eine Momentaufnahme des ersten:
Durch das große, purpur schimmernde Laub des Breit-Wegerichs (Plantago
major ‘Atropurpurea’) schmiegen sich die seltsam zwischen
Blau, Purpur und Grün changierenden und ebenso seltsam blättrig
geformten Blüten der Großen Wachsblume (Cerinthe major).
Dazwischen ragen nadelig fein belaubte, blau blühende Jungfer
im Grünen (Nigella) hervor. Eine Atmosphäre die sich kaum
beschreiben lässt – magisch, vielleicht, oder mystisch; auf
jeden Fall einzigartig (schon allein deshalb, weil bereits im
Folgejahr die ganz in der Nähe wachsende Schellenblume (Adenophora
tashiroi) mit ihren dicken Pfahlwurzeln das Terrain für sich
eroberte). Zum anderen paarte Ursel Borstell Blauen Lerchensporn
(Corydalis flexuosa ‘Purple Leaf’) mit seinen gerade eben so
hellflieder angehauchten, ansonsten reinblauen Blüten in einem
Pflanzgefäß mit Hornveilchen. Aber was für Hornveilchen:
orange bis hellbronze ihr Gesicht und zart fliederlavendel die
Ohren. Die reinste Unverschämtheit! Und in Kombination mit den
stäbchenförmigen, fast insektenartigen Lerchenspornblüten
einfach nicht zu fassen.
Sie merken es: Die Form ist inzwischen für mich genauso wichtig
geworden, wie die Farbe. Derlei Kompositionen schätzen gelernt
zu haben, bedeutet jedoch keineswegs, sie ebenfalls entwerfen zu
können: Ich für meinen Fall kopiere noch.
Silke Kluth ist freie Gartenjournalistin & Redakteurin. |