Das geliehene Paradies
Die Abgrenzung und das Formprinzip des Gartens
Vor ein paar Tagen ging ich beim Nachbardorf einen verwunschenen
Feldweg entlang. Zwischen hohen Bäumen rechts und links –
Birken, Erlen, Eichen, Weiden – und durch das lichte Unterholz
– Ebereschen, die unvermeidlichen Traubenkirschen, Haselsträucher,
überwuchert von Jelängerjelieber und wildem Hopfen – sieht
man auf Wiesen und kleinere Äcker, die oft wiederum von Bäumen
und Buschwerk eingefasst sind. Auf manche der Wiesen ist jetzt
im Frühjahr ein farbiger Schimmer hingetupft: Hahnenfuß, Löwenzahn,
Wiesenschaumkraut, und an feuchteren Stellen Mädesüß, Wilde Möhre,
Kuckuckslichtnelke.
Ich wollte zu einem leicht sumpfigen Wiesenstück, das – nur
die Eingeweihten wissen es – voller Orchideen steht, zahllosen
Exemplaren des Kleinen Knabenkrauts. Um diese Zeit treiben die
kleinen, blauen Blütenstände aus; die Aufnahmen vom letzten
Jahr hatten mich nicht zufrieden gestellt.
Der Weg ist unbefestigt und nass, tiefe Spuren von den Maschinen
der Landwirte stehen fast immer voller Wasser, in die gröbsten
Löcher hat man etwas Bauschutt oder Rindenabfall gekippt.
Selbst mit dem Fahrrad kommt man nur in trockenen Zeiten durch,
also war ich zu Fuß unterwegs, sprang mehr, als dass ich ging,
von Grasbüschel zu Grasbüschel.
Ich kenne diesen Feldweg ganz gut. Nie bin ich dort jemand
begegnet. Man wähnt sich um Jahrhunderte zurück versetzt, in
Zeiten, wo die Wiesen und Äcker noch meistens als kleine
Lichtungen an den Waldrändern lagen und wo die Landschaft nicht
‚maschinengerecht’ aufgeräumt war. Aber der Eindruck wird
rasch korrigiert – in der Ferne leuchtet das knallige Gelb
ausgedehnter Rapsfelder herüber, und nach einigen Wegbiegungen
kommt ein großer Aussiedlerhof mit dem fabrikähnlichen Stall für
300 Kühe in Sicht.
Trotzdem hatte mich die Anmutung einer ‚halbwilden Natur’
eingefangen, ich stieg in die Gräben und Senken neben dem Weg,
um zu fotografieren: Farne, Buschwindröschen, Waldziest,
Storchschnabel, Waldhabichtskraut. Als ich einmal aufsah, in ein
kleines, dichtes Waldstück zwischen zwei Wiesen, meinte ich
zuerst, ich hätte eine Halluzination: ein großer Busch von weiß
blühendem Rhododendron. Aber Augenzwinkern half nicht: Die
Erscheinung blieb ein Rhododendron. Kein Vogel versamt in
unseren Breiten Rhododendron. Hatte vielleicht ein Bauer
Ausschuss aus seinem Garten entsorgt, mit fremdartigem Schmuck für
seinen Wiesensaum?
Ich ging ein paar Schritte am Weidezaun entlang, auf das grelle
Weiß der großen Blütenbüschel zu. Und auf einmal konnte ich
es sehen: eine hohe, alte Eibe zwischen dem Gebüsch, die
untersten, starken Äste, fast am Boden liegend, im Unterholz
verschwunden; zwei Apfelbäume, spärlich blühend, von Hasel,
Eberesche und Hartriegel durchschossen; ein verwilderter
Pflaumenbaum, mit vielen Wurzeltrieben ein Gestrüpp voller
kleiner, weißer Blüten bildend.
Kein Zweifel: Ich stand vor den Zeugen eines alten Gartens.
Keine Form ließ sich mehr erahnen, kein Einfassungsbuchs noch
irgendwo erkennen, keine Hecke aus dem Gebüsch herauslesen. Nur
einige große Bäume und der ledrige Rhododendron am Rande haben
noch nicht aufgegeben, seit die Menschenhände aufgehört
hatten, dieses Gartenstück zu bestellen.
Es muss da einmal ein Haus gestanden, sich ein Hof befunden
haben – wo, ist nicht zu sagen. Die ‚Verwilderung’ hat längst
auch den Hofplatz und die Standorte der Gebäude unkenntlich
gemacht, ‚die Natur’ hat sich wieder angeeignet, was
menschliche Arbeit ihr einmal abgerungen hatte.
‚Die Natur’? ‚Abgerungen’? Ist nicht auch ein Garten
‚Natur’? Kann er denn überhaupt gedeihlich gelingen, wenn
er nicht in freundlicher Komplizenschaft mit ‚dem Natürlichen’
angelegt und genutzt wird?
Ich stand am Wiesenrand, ein paar Dutzend Schritte vom Weg
entfernt, und war vom Anblick der lebendigen Gartenruinen in ein
Nachdenken gebannt, dem ich mich dann ganz überließ. Ich weiß
ja, dass unser Wort ‚Garten’ – wie ähnlich das
lateinische ‚hortus’, das griechische ‚chórtos’ und
viele verwandte Wörter der indogermanischen Sprachen – das
‚Eingefriedete’ bezeichnet, die umzäunte Hofstelle, den von
der Umgebung abgetrennten Besitz. Ein ‚echter’ Garten ist,
in der Sprache wird es seit Urzeiten versichert, ohne Zaun,
Hecke oder Mauer nicht vorstellbar, und auch ‚Paradies’
bedeutet – in der awestischen Herkunftssprache – nicht
anderes als ‚Umzäunung, eingefriedetes Gartenland’.
Dass in der Gegenwart das Abzäunen des eigenen Grundstücks,
des Fleckchens oft kümmerlichen Gartengrüns, groteske Auswüchse
treibt, die von einer gigantischen Gartenbedarfsindustrie übermäßig
gedüngt werden – hölzerne Sichtblenden mit absurden
Formzitaten, stapelbare Betonfertigteile mit bepflanzbaren Hohlräumen,
nach wenigen Jahren zerfallende Jägerzäune, Maschendraht und
Eisengitter auch in edlen Varianten, Mini-Palisaden am laufenden
Meter – und dass die Massenproduktion angeblich
pflegeleichter, immergrüner, unentwegt ‚schmucker’
Heckenpflanzen – allem voran der Pyramiden-Thuja, zu
trostlosen Sichtblenden aus abwechselnd hellen und dunklen
Varietäten aufgereiht - was Siedlungen schnell die Anmut von
Friedhöfen verschafft –, all dies sind nur die der
Bequemlichkeit und dem Desinteresse, dem Griff zum vorgeblich
Ersten, Besten und Billigen verdankten Kümmerformen und
Abartigkeiten jenes Wissens, dass Garten ohne eine Grenze zum
‚anderen’ nicht sein kann.
In unserer zivilisatorisch hochgetrimmten Lebenswelt hat dieses
‚andere’, von dem der Garten trennt, eben die Gestalt des
ganz und gar Zivilisatorischen angenommen: Straßenraum und
Nachbargrundstück, Eisenbahntrasse und Garagenblock, Spielplatz
und Parkplatz. Und schon lange markiert das Abtrennen mit Zaun,
Hecke, Mauer auch das Areal des eigenen Besitzes, wo vielleicht
gar kein Garten (mehr) sein soll – die Umzäunung als Symbol
des Privateigentums, dem ein Garten allenfalls noch begrünter
Besitz an Grund und Boden ist, nicht aber umhegtes Areal einer
‚angeeigneten Natur’.
Über Jahrtausende hielt die Umzäunung aber eine innere,
bearbeitete und gestaltete Natur von einer äußeren,
(weitgehend) unbearbeiteten getrennt: Das ‚andere’, draußen,
hinter dem Zaun, war – so denken wir Europäer, wir Bewohner
der ‚westlichen Welt’ heute leichthin – die Wildnis: die
ungeordnete, die oft bedrohliche, die nicht ‚kultivierte’
Natur. Wir wissen aber aus den neueren Forschungen der
Anthropologen und Ethnologen, der Kulturgeschichtler, der
Ethnobotaniker, dass diese Entgegensetzung für viele so
genannte Naturvölker und nicht europäische Kulturen so gar
nicht gilt: Zum Beispiel hat sich inzwischen herausgestellt,
dass einige Völker in Südamerika den ‚Urwald’ regelrecht
kultiviert haben, mit Baumpflanzungen, Pflegemaßnahmen, ausgeklügelten
Nutzungsformen der sehr wohl ein Stück weit ‚kultivierten’
Natur. Für die Angehörigen solcher Völker ist unsere
Vorstellung, dass die zu unserem häuslichen Areal gehörende,
geschützte Natur, von deren Erträgen wir (früher) zehrten,
gegen die ungezähmte, latent bedrohliche Natur ‚da draußen’
durch eine Einfriedung abgetrennt werden müsse, gar nicht
nachzuvollziehen. Was uns als ‚Wildnis’ erscheint, ist ihnen
ein verwandtschaftlich vertrauter Kosmos, in den sie mit einem
tradierten Wissen an manchen Stellen behutsam, aber
zielgerichtet eingriffen. Dass wir Erben der abendländischen
Aufklärung dies lange nicht zu erkennen vermochten, hat bis in
jüngste Zeit etwa dazu geführt, dass indigene Völker aus
Naturschutzgebieten ‚entfernt’ wurden – da sollte eine
‚ursprüngliche Natur’ geschützt werden, die doch Elemente
einer manchmal Jahrtausende währenden Bearbeitung in sich
enthielt.
Aber auch in Europa ist der Gegensatz von umzäunter Natur
drinnen und chaotischer, ungenutzter und ‚feindlicher’Natur
draußen erst mit der Aufklärung flächendeckend scharf gemacht
worden: Alte bäuerliche Kulturen kannten sehr wohl eine nur
milde gesteuerte, aber durchaus Spuren hinterlassende Nutzung
‚wilder’ Naturräume, etwa mit der Schweine- und Rindermast
in Waldarealen (‚Hudewälder’) oder mit der Schafbeweidung
von (oft erst erzeugten) Heideflächen. Es gibt viele Dokumente,
die belegen, wie die Obrigkeiten der aufgeklärten Feudalstaaten
die Landbevölkerung regelrecht zwangen, das intensiv genutzte
Kulturland von den schrumpfenden Resten nicht oder schwer
kultivierbarer, ‚unnützer’ Natur strikt und systematisch zu
trennen.
Der Garten freilich, gewissermaßen das innerste und das
symbolisch hoch aufgeladene Areal einer ganz dem menschlichen
Gestaltungs- und Nutzungsstreben ausgelieferten Natur, setzt
schon seit den antiken Hochkulturen mit den Formprinzipien die
scharfe Opposition zu ‚natürlichen Ökosystemen’. Garten
– das war und ist per definitionem arrangierte Natur, eine
eingefriedete, zu Nutz und Wohlgefallen zurechtgemachte
Versammlung von Pflanzen, die in ihrem menschlich
bewerkstelligten Beieinander so in der ‚freien Natur’ nicht
vorkommen. Auch der so genannte Naturgarten selektiert und
arrangiert ja in höchstem Maße, überlässt die imitierte
Magerwiese keineswegs beliebigen Gräsern oder den ‚Verdrängern’
unter den Wildkräutern und Stauden, er lenkt den Bewuchs in
Schattenbereichen nicht nur durch die Erstbepflanzung auch nach
ästhetischen Zielsetzungen, präsentiert den kunstvoll
geplanten und unablässig gepflegten Teich nach Maßgabe eines
Bildes, dessen Schein von ‚Natürlichkeit’ seinen Reiz
gerade aus der Differenz zum ‚sich selbst überlassenen’ Gewässer
da draußen gewinnt.
Und selbst wo – etwa mit dem modischen Trend zu ‚Natur in
der Stadt’ – gezielt eine ‚Verwilderung’ veranstaltet
wird, indem man in bestimmten Räumen, auf definierten Flächen
‚die Natur’ einlädt, selbst tätig zu werden und eine
vorgeblich ungesteuerte Sukzession von Pflanzengesellschaften
inmitten des urbanen Stylings einzuleiten, selbst da kommt man
ohne Pflegemaßnahmen und subtile Steuerungen nicht aus. Noch
jede Veröffentlichung über den meist ökologisch verbrämten
‚Hang zur Verwilderung’ verrät, dass auch das Propagieren
der Zurücknahme jeder strengen Gestaltung etwa des ‚öffentlichen
Grüns’ – der in die zivilisatorischen Zwischenräume
verlagerten Gärten – auf Bildern einer ästhetisch
komponierten Natur beruht. Die ‚malerische Schönheit
verwildernder Gärten’ etwa, der Reiz am Überwachsen
stillgelegter Bahngeleise meint ja beileibe nicht die monotone
Brennnessel-Wildnis oder Beifuß-Steppe.
Der englische Landschaftsgarten ist das wohl sprechendste
Zeugnis dafür, dass die gestaltete Imitation von ‚Natureindrücken’
ohne die Abgrenzung sowohl von ‚Natur im eigentlichen Sinne’
als auch von wirtschaftlich intensiv genutzten Flächen nicht
auskommt: Zäune, Mauern und Einfriedungen soll man im
Landschaftsgarten zwar nicht sehen, aber sie sind sehr wohl
fester Bestandteil der Planung und Realisierung. Man versenkt
sie zum Beispiel in künstlich hergestellte Mulden, so dass sie
dem Blick der Gartenbesucher entzogen sind.
Dass Garten also selbst dort, wo er eine scheinbar ‚freie
Natur’ zum Bild arrangiert, auf der Abgrenzung von tatsächlich
unbearbeiteter Natur beruht, ja dass derartige Naturaktivitäten
im Garten selbst bekämpft werden müssen, wie subtil auch
immer, und dass noch die scheinhafte Mini-Wildnis des
Naturgartens oder des verwildernden Kulturareals den
menschlichen Eingriffen gehorcht, die von historisch gewachsenen
Vorstellungen einer Ästhetik der Natur gelenkt werden –
dieses kulturelle Fundament von Garten überhaupt darf
einerseits als Binsenweisheit gelten. Andererseits ist es gar
nicht so leicht, sich klar zu machen, dass noch jede kleinste
‚Formgebung’ des Gartens – bis hin zur gezüchteten
Blattform und Blütenfarbe der einzelner Pflanze – eine
Abgrenzung gegenüber unbearbeiteter Natur darstellt. Für Beete
und Wege, für Pflanzengruppierungen und Kompositionen nach
Wuchs, Farben, jahreszeitlichen Erscheinungsformen leuchtet das
Grundprinzip der Abgrenzung – und des Zusammenfügens der
Einzelelemente – unschwer ein. Aber auch die züchterische und
pflegende Bearbeitung der Einzelpflanze markiert ein
‚anderes’, ein von der ungenutzten Natur Abgesetztes. Das
heißt aber auch: Die Abgrenzung enthält einen
Herrschaftsanspruch, sie gibt es nicht ohne die menschliche
‚Macht’ (und Mühe), sich die vorfindliche Natur anzueignen.
Garten ist in diesem Sinne nicht nur, bis ins Detail der
Pflanzenerscheinung, abgegrenzte und arrangierte, sondern
unabdingbar auch beherrschte Natur. Ein guter Teil der
‚Lust’ am Garten ist die Lust, die Naturerscheinungen zu
beherrschen, und das muss nicht gleich eine moralische
Vorhaltung meinen. Aber solche Herrschaft, die noch in der
milden Hand einer kenntnisreichen Fürsorge für das Gepflanzte
am Werke ist und die noch Voraussetzung jeder ‚Verwilderung’
im Kulturraum bleibt, gilt nur auf Zeit. Sie ist geliehene
Herrschaft: Zum einen beruht sie auf den ‚Möglichkeiten’
den Potentialen des Natürlichen (was unter diesem Gesichtspunkt
die Gentechnologie bedeutet, ist wahrhaftig des Nachdenkens
wert), zum anderen ist sie nur durch Arbeit an der Natur
aufrecht zu erhalten: Wo gärtnerische Arbeit aufhört, wird die
geliehene Herrschaft gewissermaßen zurück gegeben.
Alle unsere Gartenparadiese sind geliehene Paradiese, auch wenn
uns das unsere bürgerliche Eigentumsideologie vergessen machen
will und auch wenn wir uns – anders als viele der so genannten
Naturvölker – nicht recht vorstellen können, dass wir wie
unsere gesamte Zivilisation, so auch die zivilisatorische
Errungenschaft des gestalteten Gartens von ‚der Natur’ nur
geliehen haben.
Ich wandte mich nach einer Weile zum Gehen, immer noch seltsam
angerührt von den überwucherten Resten eines aufgegebenen
Gartens. Nicht das ‚Malerische’ was man vielleicht bei einem
solchen Anblick der Verwilderung wahrnehmen mag, hatte mich
ergriffen, sondern die Anschauung einer nicht hintergehbaren
Einsicht: dass wir noch die schönsten, mit kunstvollster Arbeit
hergerichteten Gärten, für uns Inbegriff der menschlich
angeeigneten Natur, von dieser Natur nur geliehen haben.
Ludwig Fischer ist Professor für neuere deutsche Literatur und
Medienkultur an der Universität Hamburg. Ein Arbeitsschwerpunkt
ist die Kulturgeschichte von Naturwahrnehmungen und
-vorstellungen u.a. für den norddeutschen Küstenraum. Nebenher
betätigt sich Ludwig Fischer auch als Autor, Kleinstverleger
und Kräutergärtner. |