Illertisser Gartenlust 2006 - Kolumnen
 
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03. Ludwig Fischer | vorherige | nächste |
 

Das geliehene Paradies
Die Abgrenzung und das Formprinzip des Gartens

Vor ein paar Tagen ging ich beim Nachbardorf einen verwunschenen Feldweg entlang. Zwischen hohen Bäumen rechts und links – Birken, Erlen, Eichen, Weiden – und durch das lichte Unterholz – Ebereschen, die unvermeidlichen Traubenkirschen, Haselsträucher,
überwuchert von Jelängerjelieber und wildem Hopfen – sieht man auf Wiesen und kleinere Äcker, die oft wiederum von Bäumen und Buschwerk eingefasst sind. Auf manche der Wiesen ist jetzt im Frühjahr ein farbiger Schimmer hingetupft: Hahnenfuß, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, und an feuchteren Stellen Mädesüß, Wilde Möhre, Kuckuckslichtnelke.
Ich wollte zu einem leicht sumpfigen Wiesenstück, das – nur die Eingeweihten wissen es – voller Orchideen steht, zahllosen Exemplaren des Kleinen Knabenkrauts. Um diese Zeit treiben die kleinen, blauen Blütenstände aus; die Aufnahmen vom letzten Jahr hatten mich nicht zufrieden gestellt.
Der Weg ist unbefestigt und nass, tiefe Spuren von den Maschinen der Landwirte stehen fast immer voller Wasser, in die gröbsten Löcher hat man etwas Bauschutt oder Rindenabfall gekippt. Selbst mit dem Fahrrad kommt man nur in trockenen Zeiten durch, also war ich zu Fuß unterwegs, sprang mehr, als dass ich ging, von Grasbüschel zu Grasbüschel.
Ich kenne diesen Feldweg ganz gut. Nie bin ich dort jemand begegnet. Man wähnt sich um Jahrhunderte zurück versetzt, in Zeiten, wo die Wiesen und Äcker noch meistens als kleine Lichtungen an den Waldrändern lagen und wo die Landschaft nicht ‚maschinengerecht’ aufgeräumt war. Aber der Eindruck wird rasch korrigiert – in der Ferne leuchtet das knallige Gelb ausgedehnter Rapsfelder herüber, und nach einigen Wegbiegungen kommt ein großer Aussiedlerhof mit dem fabrikähnlichen Stall für 300 Kühe in Sicht.
Trotzdem hatte mich die Anmutung einer ‚halbwilden Natur’ eingefangen, ich stieg in die Gräben und Senken neben dem Weg, um zu fotografieren: Farne, Buschwindröschen, Waldziest, Storchschnabel, Waldhabichtskraut. Als ich einmal aufsah, in ein kleines, dichtes Waldstück zwischen zwei Wiesen, meinte ich zuerst, ich hätte eine Halluzination: ein großer Busch von weiß blühendem Rhododendron. Aber Augenzwinkern half nicht: Die Erscheinung blieb ein Rhododendron. Kein Vogel versamt in unseren Breiten Rhododendron. Hatte vielleicht ein Bauer Ausschuss aus seinem Garten entsorgt, mit fremdartigem Schmuck für seinen Wiesensaum?
Ich ging ein paar Schritte am Weidezaun entlang, auf das grelle Weiß der großen Blütenbüschel zu. Und auf einmal konnte ich es sehen: eine hohe, alte Eibe zwischen dem Gebüsch, die untersten, starken Äste, fast am Boden liegend, im Unterholz verschwunden; zwei Apfelbäume, spärlich blühend, von Hasel, Eberesche und Hartriegel durchschossen; ein verwilderter Pflaumenbaum, mit vielen Wurzeltrieben ein Gestrüpp voller kleiner, weißer Blüten bildend.
Kein Zweifel: Ich stand vor den Zeugen eines alten Gartens. Keine Form ließ sich mehr erahnen, kein Einfassungsbuchs noch irgendwo erkennen, keine Hecke aus dem Gebüsch herauslesen. Nur einige große Bäume und der ledrige Rhododendron am Rande haben noch nicht aufgegeben, seit die Menschenhände aufgehört hatten, dieses Gartenstück zu bestellen.
Es muss da einmal ein Haus gestanden, sich ein Hof befunden haben – wo, ist nicht zu sagen. Die ‚Verwilderung’ hat längst auch den Hofplatz und die Standorte der Gebäude unkenntlich gemacht, ‚die Natur’ hat sich wieder angeeignet, was menschliche Arbeit ihr einmal abgerungen hatte.
‚Die Natur’? ‚Abgerungen’? Ist nicht auch ein Garten ‚Natur’? Kann er denn überhaupt gedeihlich gelingen, wenn er nicht in freundlicher Komplizenschaft mit ‚dem Natürlichen’ angelegt und genutzt wird?
Ich stand am Wiesenrand, ein paar Dutzend Schritte vom Weg entfernt, und war vom Anblick der lebendigen Gartenruinen in ein Nachdenken gebannt, dem ich mich dann ganz überließ. Ich weiß ja, dass unser Wort ‚Garten’ – wie ähnlich das lateinische ‚hortus’, das griechische ‚chórtos’ und viele verwandte Wörter der indogermanischen Sprachen – das ‚Eingefriedete’ bezeichnet, die umzäunte Hofstelle, den von der Umgebung abgetrennten Besitz. Ein ‚echter’ Garten ist, in der Sprache wird es seit Urzeiten versichert, ohne Zaun, Hecke oder Mauer nicht vorstellbar, und auch ‚Paradies’ bedeutet – in der awestischen Herkunftssprache – nicht anderes als ‚Umzäunung, eingefriedetes Gartenland’.
Dass in der Gegenwart das Abzäunen des eigenen Grundstücks, des Fleckchens oft kümmerlichen Gartengrüns, groteske Auswüchse treibt, die von einer gigantischen Gartenbedarfsindustrie übermäßig gedüngt werden – hölzerne Sichtblenden mit absurden Formzitaten, stapelbare Betonfertigteile mit bepflanzbaren Hohlräumen, nach wenigen Jahren zerfallende Jägerzäune, Maschendraht und Eisengitter auch in edlen Varianten, Mini-Palisaden am laufenden Meter – und dass die Massenproduktion angeblich pflegeleichter, immergrüner, unentwegt ‚schmucker’ Heckenpflanzen – allem voran der Pyramiden-Thuja, zu trostlosen Sichtblenden aus abwechselnd hellen und dunklen Varietäten aufgereiht - was Siedlungen schnell die Anmut von Friedhöfen verschafft –, all dies sind nur die der Bequemlichkeit und dem Desinteresse, dem Griff zum vorgeblich Ersten, Besten und Billigen verdankten Kümmerformen und Abartigkeiten jenes Wissens, dass Garten ohne eine Grenze zum ‚anderen’ nicht sein kann.
In unserer zivilisatorisch hochgetrimmten Lebenswelt hat dieses ‚andere’, von dem der Garten trennt, eben die Gestalt des ganz und gar Zivilisatorischen angenommen: Straßenraum und Nachbargrundstück, Eisenbahntrasse und Garagenblock, Spielplatz und Parkplatz. Und schon lange markiert das Abtrennen mit Zaun, Hecke, Mauer auch das Areal des eigenen Besitzes, wo vielleicht gar kein Garten (mehr) sein soll – die Umzäunung als Symbol des Privateigentums, dem ein Garten allenfalls noch begrünter Besitz an Grund und Boden ist, nicht aber umhegtes Areal einer ‚angeeigneten Natur’.
Über Jahrtausende hielt die Umzäunung aber eine innere, bearbeitete und gestaltete Natur von einer äußeren, (weitgehend) unbearbeiteten getrennt: Das ‚andere’, draußen, hinter dem Zaun, war – so denken wir Europäer, wir Bewohner der ‚westlichen Welt’ heute leichthin – die Wildnis: die ungeordnete, die oft bedrohliche, die nicht ‚kultivierte’ Natur. Wir wissen aber aus den neueren Forschungen der Anthropologen und Ethnologen, der Kulturgeschichtler, der Ethnobotaniker, dass diese Entgegensetzung für viele so genannte Naturvölker und nicht europäische Kulturen so gar nicht gilt: Zum Beispiel hat sich inzwischen herausgestellt, dass einige Völker in Südamerika den ‚Urwald’ regelrecht kultiviert haben, mit Baumpflanzungen, Pflegemaßnahmen, ausgeklügelten Nutzungsformen der sehr wohl ein Stück weit ‚kultivierten’ Natur. Für die Angehörigen solcher Völker ist unsere Vorstellung, dass die zu unserem häuslichen Areal gehörende, geschützte Natur, von deren Erträgen wir (früher) zehrten, gegen die ungezähmte, latent bedrohliche Natur ‚da draußen’ durch eine Einfriedung abgetrennt werden müsse, gar nicht nachzuvollziehen. Was uns als ‚Wildnis’ erscheint, ist ihnen ein verwandtschaftlich vertrauter Kosmos, in den sie mit einem tradierten Wissen an manchen Stellen behutsam, aber zielgerichtet eingriffen. Dass wir Erben der abendländischen Aufklärung dies lange nicht zu erkennen vermochten, hat bis in jüngste Zeit etwa dazu geführt, dass indigene Völker aus Naturschutzgebieten ‚entfernt’ wurden – da sollte eine ‚ursprüngliche Natur’ geschützt werden, die doch Elemente einer manchmal Jahrtausende währenden Bearbeitung in sich enthielt.
Aber auch in Europa ist der Gegensatz von umzäunter Natur drinnen und chaotischer, ungenutzter und ‚feindlicher’Natur draußen erst mit der Aufklärung flächendeckend scharf gemacht worden: Alte bäuerliche Kulturen kannten sehr wohl eine nur milde gesteuerte, aber durchaus Spuren hinterlassende Nutzung ‚wilder’ Naturräume, etwa mit der Schweine- und Rindermast in Waldarealen (‚Hudewälder’) oder mit der Schafbeweidung von (oft erst erzeugten) Heideflächen. Es gibt viele Dokumente, die belegen, wie die Obrigkeiten der aufgeklärten Feudalstaaten die Landbevölkerung regelrecht zwangen, das intensiv genutzte Kulturland von den schrumpfenden Resten nicht oder schwer kultivierbarer, ‚unnützer’ Natur strikt und systematisch zu trennen.

Der Garten freilich, gewissermaßen das innerste und das symbolisch hoch aufgeladene Areal einer ganz dem menschlichen Gestaltungs- und Nutzungsstreben ausgelieferten Natur, setzt schon seit den antiken Hochkulturen mit den Formprinzipien die scharfe Opposition zu ‚natürlichen Ökosystemen’. Garten – das war und ist per definitionem arrangierte Natur, eine eingefriedete, zu Nutz und Wohlgefallen zurechtgemachte Versammlung von Pflanzen, die in ihrem menschlich bewerkstelligten Beieinander so in der ‚freien Natur’ nicht vorkommen. Auch der so genannte Naturgarten selektiert und arrangiert ja in höchstem Maße, überlässt die imitierte Magerwiese keineswegs beliebigen Gräsern oder den ‚Verdrängern’ unter den Wildkräutern und Stauden, er lenkt den Bewuchs in Schattenbereichen nicht nur durch die Erstbepflanzung auch nach ästhetischen Zielsetzungen, präsentiert den kunstvoll geplanten und unablässig gepflegten Teich nach Maßgabe eines Bildes, dessen Schein von ‚Natürlichkeit’ seinen Reiz gerade aus der Differenz zum ‚sich selbst überlassenen’ Gewässer da draußen gewinnt.
Und selbst wo – etwa mit dem modischen Trend zu ‚Natur in der Stadt’ – gezielt eine ‚Verwilderung’ veranstaltet wird, indem man in bestimmten Räumen, auf definierten Flächen ‚die Natur’ einlädt, selbst tätig zu werden und eine vorgeblich ungesteuerte Sukzession von Pflanzengesellschaften inmitten des urbanen Stylings einzuleiten, selbst da kommt man ohne Pflegemaßnahmen und subtile Steuerungen nicht aus. Noch jede Veröffentlichung über den meist ökologisch verbrämten ‚Hang zur Verwilderung’ verrät, dass auch das Propagieren der Zurücknahme jeder strengen Gestaltung etwa des ‚öffentlichen Grüns’ – der in die zivilisatorischen Zwischenräume verlagerten Gärten – auf Bildern einer ästhetisch komponierten Natur beruht. Die ‚malerische Schönheit verwildernder Gärten’ etwa, der Reiz am Überwachsen stillgelegter Bahngeleise meint ja beileibe nicht die monotone Brennnessel-Wildnis oder Beifuß-Steppe.
Der englische Landschaftsgarten ist das wohl sprechendste Zeugnis dafür, dass die gestaltete Imitation von ‚Natureindrücken’ ohne die Abgrenzung sowohl von ‚Natur im eigentlichen Sinne’ als auch von wirtschaftlich intensiv genutzten Flächen nicht auskommt: Zäune, Mauern und Einfriedungen soll man im Landschaftsgarten zwar nicht sehen, aber sie sind sehr wohl fester Bestandteil der Planung und Realisierung. Man versenkt sie zum Beispiel in künstlich hergestellte Mulden, so dass sie dem Blick der Gartenbesucher entzogen sind. 
Dass Garten also selbst dort, wo er eine scheinbar ‚freie Natur’ zum Bild arrangiert, auf der Abgrenzung von tatsächlich unbearbeiteter Natur beruht, ja dass derartige Naturaktivitäten im Garten selbst bekämpft werden müssen, wie subtil auch immer, und dass noch die scheinhafte Mini-Wildnis des Naturgartens oder des verwildernden Kulturareals den menschlichen Eingriffen gehorcht, die von historisch gewachsenen Vorstellungen einer Ästhetik der Natur gelenkt werden – dieses kulturelle Fundament von Garten überhaupt darf einerseits als Binsenweisheit gelten. Andererseits ist es gar nicht so leicht, sich klar zu machen, dass noch jede kleinste ‚Formgebung’ des Gartens – bis hin zur gezüchteten Blattform und Blütenfarbe der einzelner Pflanze – eine Abgrenzung gegenüber unbearbeiteter Natur darstellt. Für Beete und Wege, für Pflanzengruppierungen und Kompositionen nach Wuchs, Farben, jahreszeitlichen Erscheinungsformen leuchtet das Grundprinzip der Abgrenzung – und des Zusammenfügens der Einzelelemente – unschwer ein. Aber auch die züchterische und pflegende Bearbeitung der Einzelpflanze markiert ein ‚anderes’, ein von der ungenutzten Natur Abgesetztes. Das heißt aber auch: Die Abgrenzung enthält einen Herrschaftsanspruch, sie gibt es nicht ohne die menschliche ‚Macht’ (und Mühe), sich die vorfindliche Natur anzueignen.
Garten ist in diesem Sinne nicht nur, bis ins Detail der Pflanzenerscheinung, abgegrenzte und arrangierte, sondern unabdingbar auch beherrschte Natur. Ein guter Teil der ‚Lust’ am Garten ist die Lust, die Naturerscheinungen zu beherrschen, und das muss nicht gleich eine moralische Vorhaltung meinen. Aber solche Herrschaft, die noch in der milden Hand einer kenntnisreichen Fürsorge für das Gepflanzte am Werke ist und die noch Voraussetzung jeder ‚Verwilderung’ im Kulturraum bleibt, gilt nur auf Zeit. Sie ist geliehene Herrschaft: Zum einen beruht sie auf den ‚Möglichkeiten’ den Potentialen des Natürlichen (was unter diesem Gesichtspunkt die Gentechnologie bedeutet, ist wahrhaftig des Nachdenkens wert), zum anderen ist sie nur durch Arbeit an der Natur aufrecht zu erhalten: Wo gärtnerische Arbeit aufhört, wird die geliehene Herrschaft gewissermaßen zurück gegeben.
Alle unsere Gartenparadiese sind geliehene Paradiese, auch wenn uns das unsere bürgerliche Eigentumsideologie vergessen machen will und auch wenn wir uns – anders als viele der so genannten Naturvölker – nicht recht vorstellen können, dass wir wie unsere gesamte Zivilisation, so auch die zivilisatorische Errungenschaft des gestalteten Gartens von ‚der Natur’ nur geliehen haben.
Ich wandte mich nach einer Weile zum Gehen, immer noch seltsam angerührt von den überwucherten Resten eines aufgegebenen Gartens. Nicht das ‚Malerische’ was man vielleicht bei einem solchen Anblick der Verwilderung wahrnehmen mag, hatte mich ergriffen, sondern die Anschauung einer nicht hintergehbaren Einsicht: dass wir noch die schönsten, mit kunstvollster Arbeit hergerichteten Gärten, für uns Inbegriff der menschlich angeeigneten Natur, von dieser Natur nur geliehen haben. 

Ludwig Fischer ist Professor für neuere deutsche Literatur und Medienkultur an der Universität Hamburg. Ein Arbeitsschwerpunkt ist die Kulturgeschichte von Naturwahrnehmungen und -vorstellungen u.a. für den norddeutschen Küstenraum. Nebenher betätigt sich Ludwig Fischer auch als Autor, Kleinstverleger und Kräutergärtner.