Gartenspiegel - Spiegelgarten
Sollen wir den Garten, den wir doch vor uns haben, auch noch in
einem Spiegel einfangen, ihn darin als einen Abklatsch
wiederholen? Die spiegelnden Glaskugeln, die man früher
zwischen die Pflanzen steckte und die heute gelegentlich wieder
zu finden sind, dienten angeblich dazu, die Vögel zu
vertreiben. Aber erstens ist nicht einzusehen, warum die Vögel
überhaupt vertrieben werden sollten, und zweitens lassen sie
sich durch die Kugeln gar nicht vertreiben. Der wahre Zweck der
Kugeln ist die Spiegelung des Gartens und nicht die Vertreibung
der Vögel.
Im Spiegel der Kugel wird der Garten gehalten wie zwischen zwei
Händen. Das Weite wird verengt, die Enge erweitert. Ganz
gleich, wie klein oder groß der Garten ist – in der Kugel hat
er immer Platz und der Himmel dazu. Alles erscheint
eingeschmolzen, geschliffen, poliert, eingefasst zu einem
Kleinod, das silbern schimmert, wiewohl es die bunten
Gartenfarben sind, die sich darin spiegeln. Die magische Kraft
des Spiegels bewährt sich auch hier: Das Bild ist greifbar nah,
aber nicht wirklich greifbar; doch weiß man, dass ihm eine
Wirklichkeit entspricht, der sphärisch verzogene Raum also kein
leeres Trugbild ist, sondern eine Verwandlung bezeugt. Himmel,
Holunder, Kohlrabi: Wendet man den Blick zurück vom Spiegel,
dann sind sie vorhanden, als wäre nichts geschehen. Es
geschieht aber etwas im Spiegel: Der Vordergrund wird unmäßig
vergrößert, die Blüte wird gedehnt zur Schale, das Blatt zum
Nachen, der Baumstamm zum gespannten Bogen. Dahinter verliert
sich der Blick in eine eingestülpte Weite, in der alles immer
kleiner wird und noch kleiner.
Die Proportionen, die Konturen, die Symmetrien werden verändert,
aber die Regelmäßigkeit der Kugelgestalt bewirkt, dass die
Verformung übergangslos verläuft und eher dem Prinzip einer
sanften Verzauberung entspricht als etwa der aufs Groteske
zielenden Verzerrung in den Spiegelkabinetten der alten Jahrmärkte.
Es gibt noch eine andere Weise, den Garten zu spiegeln, als nur
in den dafür geschaffenen silbernen Kugeln: Wir können einen
Spiegel (auch mehrere) im Zimmer derart aufhängen, dass wir im
Sitzen oder im Vorbeigehen das Bild vom Garten auffangen, das
der Spiegel uns zuwirft: Der Ausschnitt hebt aus dem großen
Bild ein kleines heraus. Einzelheiten, die zuvor im Ganzen
aufgingen, gewinnen jetzt ein eigenes Gewicht. Die Umrisse
werden schärfer, die Farben leuchtender. Der Spiegel ist unser
Lehrmeister, sagt Leonardo.
Ich zögere, von den Gartenspiegeln der dritten Art zu sprechen.
Heißt es die Künstlichkeit, das Spiegelbild unzulässig auf
die Spitze treiben, wenn wir hier und da (oder auch nur hie oder
da) einen kleinen Spiegel an einen Ast hängen, an dem er sich
leise bewegt und, pendelnd, immer neue Bildfolgen aus dem Garten
vorführt? Seine Bilder sind flüchtig, irrlichternd, täuschend,
zeigen immer wieder andere Vereinzelungen: kein Lehrmeister,
dieser Spiegel, sondern eher ein Gaukler. Er nimmt das Bild, das
er uns gerade gegeben hat, gleich wieder in sich zurück und
verwandelt es in ein anderes.
Die Kugel hingegen lässt uns den Garten metaphorisch sehen, als
einen eingegrenzten Bezirk, der doch, so klein er ist, die Weite
in sich hineinnehmen kann. Und der Spiegel im Zimmer lehrt uns,
indem er den Blick nicht ohne Strenge leitet und fesselt, das
Einzelne immer genauer zu sehen.
Wozu den Garten, den wir doch um uns haben, auch noch in einem
Spiegelbild einfangen?
Vielleicht steckt dahinter der Wunsch, den Garten, der sich ja
durchaus nicht fassen lässt, im Bild festzumachen, der Wunsch,
uns seiner zu versichern, ihn wenigstens für einen Augenblick
verfügbar zu haben – oder doch ein Stück davon.
Vielleicht ist es aber auch viel vertrackter: Der Garten, so
ahnen wir, ist eine zauberische Welt, und im Spiegelbild wird er
uns zugleich entrückt und fassbar gemacht, auf eine Weise, die
eben diesen Glanz des Zauberischen für Momente des Erkennens
aufblitzen lässt.
Das Wirkliche wird im Bild des Spiegels unwirklich, das
Unwirklich-Zauberische des Gartens gewinnt, als Spiegelbild,
Wirklichkeit. Schein und Wahrheit gehen ineinander auf, verschränken
sich miteinander – derart, dass wir ahnen, um wieviel tiefer
die Wirklichkeit des Gartens noch hinter das zurückreicht, was
wir sehen. Ist unser Garten in Wahrheit ein Spiegelbild und sein
Spiegelbild folglich der wahre Garten?
Jürgen Dahl
(Textauszug aus: Jürgen Dahl: Nachrichten aus dem Garten.
Manuscriptum, Waltrop und Leipzig 1999. Mit freundlicher
Genehmigung des Verlages.) |