Illertisser Gartenlust 2006 - Kolumnen
 
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06. Jürgen Dahl | vorherige | nächste |
 
Gartenspiegel - Spiegelgarten

Sollen wir den Garten, den wir doch vor uns haben, auch noch in einem Spiegel einfangen, ihn darin als einen Abklatsch wiederholen? Die spiegelnden Glaskugeln, die man früher zwischen die Pflanzen steckte und die heute gelegentlich wieder zu finden sind, dienten angeblich dazu, die Vögel zu vertreiben. Aber erstens ist nicht einzusehen, warum die Vögel überhaupt vertrieben werden sollten, und zweitens lassen sie sich durch die Kugeln gar nicht vertreiben. Der wahre Zweck der Kugeln ist die Spiegelung des Gartens und nicht die Vertreibung der Vögel.
Im Spiegel der Kugel wird der Garten gehalten wie zwischen zwei Händen. Das Weite wird verengt, die Enge erweitert. Ganz gleich, wie klein oder groß der Garten ist – in der Kugel hat er immer Platz und der Himmel dazu. Alles erscheint eingeschmolzen, geschliffen, poliert, eingefasst zu einem Kleinod, das silbern schimmert, wiewohl es die bunten Gartenfarben sind, die sich darin spiegeln. Die magische Kraft des Spiegels bewährt sich auch hier: Das Bild ist greifbar nah, aber nicht wirklich greifbar; doch weiß man, dass ihm eine Wirklichkeit entspricht, der sphärisch verzogene Raum also kein leeres Trugbild ist, sondern eine Verwandlung bezeugt. Himmel, Holunder, Kohlrabi: Wendet man den Blick zurück vom Spiegel, dann sind sie vorhanden, als wäre nichts geschehen. Es geschieht aber etwas im Spiegel: Der Vordergrund wird unmäßig vergrößert, die Blüte wird gedehnt zur Schale, das Blatt zum Nachen, der Baumstamm zum gespannten Bogen. Dahinter verliert sich der Blick in eine eingestülpte Weite, in der alles immer kleiner wird und noch kleiner.
Die Proportionen, die Konturen, die Symmetrien werden verändert, aber die Regelmäßigkeit der Kugelgestalt bewirkt, dass die Verformung übergangslos verläuft und eher dem Prinzip einer sanften Verzauberung entspricht als etwa der aufs Groteske zielenden Verzerrung in den Spiegelkabinetten der alten Jahrmärkte.
Es gibt noch eine andere Weise, den Garten zu spiegeln, als nur in den dafür geschaffenen silbernen Kugeln: Wir können einen Spiegel (auch mehrere) im Zimmer derart aufhängen, dass wir im Sitzen oder im Vorbeigehen das Bild vom Garten auffangen, das der Spiegel uns zuwirft: Der Ausschnitt hebt aus dem großen Bild ein kleines heraus. Einzelheiten, die zuvor im Ganzen aufgingen, gewinnen jetzt ein eigenes Gewicht. Die Umrisse werden schärfer, die Farben leuchtender. Der Spiegel ist unser Lehrmeister, sagt Leonardo.
Ich zögere, von den Gartenspiegeln der dritten Art zu sprechen. Heißt es die Künstlichkeit, das Spiegelbild unzulässig auf die Spitze treiben, wenn wir hier und da (oder auch nur hie oder da) einen kleinen Spiegel an einen Ast hängen, an dem er sich leise bewegt und, pendelnd, immer neue Bildfolgen aus dem Garten vorführt? Seine Bilder sind flüchtig, irrlichternd, täuschend, zeigen immer wieder andere Vereinzelungen: kein Lehrmeister, dieser Spiegel, sondern eher ein Gaukler. Er nimmt das Bild, das er uns gerade gegeben hat, gleich wieder in sich zurück und verwandelt es in ein anderes.
Die Kugel hingegen lässt uns den Garten metaphorisch sehen, als einen eingegrenzten Bezirk, der doch, so klein er ist, die Weite in sich hineinnehmen kann. Und der Spiegel im Zimmer lehrt uns, indem er den Blick nicht ohne Strenge leitet und fesselt, das Einzelne immer genauer zu sehen.
Wozu den Garten, den wir doch um uns haben, auch noch in einem Spiegelbild einfangen?
Vielleicht steckt dahinter der Wunsch, den Garten, der sich ja durchaus nicht fassen lässt, im Bild festzumachen, der Wunsch, uns seiner zu versichern, ihn wenigstens für einen Augenblick verfügbar zu haben – oder doch ein Stück davon.
Vielleicht ist es aber auch viel vertrackter: Der Garten, so ahnen wir, ist eine zauberische Welt, und im Spiegelbild wird er uns zugleich entrückt und fassbar gemacht, auf eine Weise, die eben diesen Glanz des Zauberischen für Momente des Erkennens aufblitzen lässt.
Das Wirkliche wird im Bild des Spiegels unwirklich, das Unwirklich-Zauberische des Gartens gewinnt, als Spiegelbild, Wirklichkeit. Schein und Wahrheit gehen ineinander auf, verschränken sich miteinander – derart, dass wir ahnen, um wieviel tiefer die Wirklichkeit des Gartens noch hinter das zurückreicht, was wir sehen. Ist unser Garten in Wahrheit ein Spiegelbild und sein Spiegelbild folglich der wahre Garten?

Jürgen Dahl

(Textauszug aus: Jürgen Dahl: Nachrichten aus dem Garten. Manuscriptum, Waltrop und Leipzig 1999. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages.)