Gräser, eine Gartenlust
Was soll man für ein Verhältnis zu Gräsern entwickeln, wenn
das erste Gras, mit dem man Kontakt hat, „Pede“ heißt? Für
den deutschsprachigen Raum außerhalb Brandenburgs hier die Übersetzung:
Pede ist Quecke, botanisch Agropyron! Eine unendliche
Geschichte, unendlich die unterirdischen Ausläufer, die Freude
jedes Landwirts und Gärtners. Eine unendliche Geschichte sind
auch die laufenden Veränderungen der botanischen Namen. Natürlich
heißt die Quecke nicht mehr Agropyron, sondern Elymus, genau
Elymus repens, die Kriechende!
Später habe ich mich landwirtschaftlich mit Gräsern beschäftigt:
mit Weidelgras, Knäuelgras, Wiesenfuchsschwanz, Glatthafer
u.s.w. u.s.f.. Wichtig, dass sie hohe Erträge bringen, dass sie
Silo und Heustadel füllen.
Gräser sind Nahrung für Mensch, Tier und die Seele!
Dass Gräser außer Nährwerten auch noch andere positive
Eigenschaften haben, diese Erkenntnis brauchte eine längere
Zeit. Dabei hätte ein Blick in die Roggenfelder bereits
Aufschluss geben müssen. Kornblumen und Klatschmohn werden
durch das Grau-Grün-Silber des Roggens erst richtig schön, ja
erträglich. Auf Brachflächen im Trentino stehen sie manchmal
unvermittelt, ungepuffert knallblau neben knallrot. Das hat
gewiss auch seine Reize. Die stillen Reize mit dem Roggen aber
zeigen eine Wirkung der Gräser, die man sich ins Lehrbuch hätte
schreiben müssen.
Der Weg vom Forst-Unkraut zur braven Staude
Ein Landwirt muss sich langsam an die Ästhetik der Gräser
heranarbeiten. So wundert mich rückblickend eigentlich nicht,
dass mein erstes „Ziergras“ im Garten das Reitgras mit dem
Namen „Karl Foerster“ war. Es ist so, wie sich das ein Bauer
für sein Getreide wünscht: ordentlich und standfest, eine
Skulptur im Garten bis zum Schnitt im zeitigen Frühling. Wenn
man bedenkt, was für lausige Wanderburschen Reitgräser in der
Natur sein können! Doch die botanische Bezeichnung des
„Skulpturgrases“ ist Calamagrostis x acutiflora. Das x
bedeutet, dass es sich um eine Hybride zweier verwandter Arten
handelt. In unserem Fall um eine Kreuzung des von den Förstern
gehassten Landreitgrases (es behindert die Naturverjüngung in
den Wäldern) mit dem horstbildenden Waldreitgras. Hier hat
nicht etwa KF. oder sonst jemand mit dem Pinsel gearbeitet. Die
Hybride entstand in der Natur und herausgekommen ist dabei ein
„Maultier“, ein unfruchtbarer Nachkomme, was Gärtnern nicht
unlieb ist, es herrscht Ordnung um das Gras herum!
Kurze Freude mit langen Grannen
Einen großen Schritt nach vorn in die Welt der Grasschönheiten
gelang mir durch glückliche Zufälle in Oberitalien. In einem
kleinen Steinbruch ließ ein Gras unendlich lange Grannen im
Winde wehen. Welch ein Anblick! Von kompetenter Seite wurde erklärt,
es handle sich um Stipa pulcherrima, das schönste aller Federgräser.
Es dauerte natürlich nicht lange, bis auch in meinem Garten
solch eine Stipa ihre Fahnen wehen ließ. Leider dauert dieser
schönste Zustand des Grases nicht lange. Sind die Samen erst
einmal reif, dann genügt ein leichter Wind, um die langen
Grannen mit der spitzen Frucht davon zu tragen. Was danach übrig
bleibt, ist ein arg zerzauster Strohbuschen und die Vorfreude
auf das nächste Jahr. Das „Stroh“ kann man ja kaschieren
durch Blütenstauden oder andere Gräser.
Sie steht den Lilien näher, als den Gräsern
Auf derselben Reise stießen wir an einem Hang unter
sturmverbogenen Buchen auf ein Gras mit auffällig weißen Blüten.
Doch was nennt man nicht alles Gras! Aber wenn mir jemand gesagt
hätte, diese Pflanze sei eher eine Binse, ich hätte es kaum
geglaubt, zumal ihre Blätter stark bewimpert waren, was man von
den Binsen nicht gerade behaupten kann. Es war die Schneemarbel
oder Hainsimse, die so auffällig leuchtete. Von dieser Pflanze
entzückt, suchte ich nach Samen, wurde fündig und freue mich
seit 20 Jahren über Luzula nivea, wie sie botanisch hoffentlich
noch recht lange heißt. Im oberbayerischen Garten steht sie zu
Füßen einiger wildwachsender Buchse, Kiefern und eines
Goldregens, am Rande eines inzwischen etwas sich selbst überlassenen
Senkgartens. Immer wieder samt sich die Hainsimse aus, ohne je lästig
geworden zu sein.
Wo die blauen Festuca-Arten zu Hause sind
Dann aber die niederlausitzer Heidelandschaften! Trockener Sand,
hier und da eine Partie Heidekraut, graue Flechten, vor
Trockenheit schwarz gewordene Moose. Und Gräser! Nein, keine grünen
Gräser, wie sie auf Wiesen wachsen, sondern graue, graublaue,
silberne, ja rosa und violette Grashorste zwischen dem blühenden
Heidekraut.
Nachdem ich das gesehen und erlebt hatte, war es um mich
geschehen und um meinen Garten, Gräser mussten Einzug halten!
Eine nicht ganz unbekannte Staudengärtnerei in Illertissen
unterstützte meine Wahnidee, und so legten die verschiedensten
Gräser den 700 km langen Weg vom Allgäu in die Niederlausitz
zurück und wunderten sich erst einmal über den Sand, dann über
nur 500 mm Niederschlag und vielleicht auch über den veränderten
Luftdruck. Der Garten in der Niederlausitz liegt nur 60 m über
dem Meer!
Nun ist ja Illertissen nicht die Heimat dieser Gräser, sondern
eine Zwischenstation. Wo kommen sie alle her! Aus Japan, aus
Afrika, aus Mexiko, USA, Kanada, aber auch aus dem Allgäu, kurz
aus der ganzen Welt, vereint jetzt im niederlausitzer
Sandgarten. Da die Gräser der Welt in ihrer Mehrzahl in
Steppen, Prärien und Savannen wachsen, waren sie der Ansicht,
dass man sich im Sandgarten sehr wohl fühlen könnte.
Ein Hoch auf die Indianer-Gräser
Fasse ich die Arten nach ihrer Herkunft zusammen, so dominieren
die Amerikaner inklusive Mexikaner. Und wieder drängt sich mir
die Frage auf, wie sähen unsere Gärten wohl ohne die Zutaten
der Indianer aus. Von Gemüsen und Kartoffeln ganz zu schweigen.
Aber eine Gartenwelt ohne Phloxe und Rudbeckien, ohne Zinnien
und Sonnenblumen? Und nun stellt sich heraus, dass auch
amerikanische Gräser zu den Schmuckstücken unserer Gärten gehören.
Das Foerster-Wort, „Gras ist das Haar der Mutter Erde“, drängt
sich mir immer auf, wenn ich das mexikanische Federgras
betrachte. Vormals Stipa tenuissima, wird es jetzt Nassella
tenuissima genannt.
Ein wahrhaft haariges Gras und das über 12 Monate. Es ist
schwierig, heraus zu bekommen, was ist neu gewachsen, was ist
alt, was ist Blüte, was der reife Samen. Alles ist Haar. Aber
welch ein Bild, mit dem Licht, im Gegenlicht, bei leichtem Wind!
Dazwischen Blütenstauden aus Amerika: Nachtkerzen, Oenothera
tetragona und Oenothera odorata und Kokardenblumen,
Gaillardia-Hybriden. Ein paar weitere amerikanische Gräser sind
zur Gesellschaft dazu gepflanzt worden: Hystrix patula, das
Flaschenbürstengras aus dem östliches Nordamerika und
Bouteloua gracilis, das Moskitogras aus dem Südwesten der USA
mit seinen kleinen braunen „Moskito“-Ähren.
Während ich hier schreibe, liegt draußen noch dicker Schnee.
Der ist einigen Gräsern nicht gut bekommen, sie sind unter der
feuchten Schwere zusammengebrochen. Nicht aber Hystrix patula.
Seine schönen Ähren mit den abstehenden Grannen haben den
Schnee abgleiten lassen, nicht festgehalten und so schauen sie
unversehrt daraus hervor.
Und es gibt sie doch: Gräser mit Blütenduft!
Noch eine „Western-Ecke“ muss erwähnt werden: Da tobt sich
die Gaura lindheimeri aus, ein liederlicher Sämling, der sich
laufend versamt. Zur Gesellschaft stehen in seiner Nachbarschaft
einige Prachtscharten, Liatris spicata und natürlich wieder ein
amerikanisches Gras: Sporobolus heterolepis, das Tautropfengras.
Das heißt so, weil an seinen Blütenrispen und später an den
Samen nach Regen und Nebel glänzende Tropfen hängen bleiben
und das Gras verzaubern. Dropseed sagt man in Amerika dazu. Die
Besonderheit dieses Präriegrases ist aber sein Blütenduft. Wer
je seine Nase in die Blüten des großen rosa Springkrautes
gesteckt hat, weiß nun, wie das Tautropfengras duftet. Mehr
noch: seine Halme sind außerordentlich schneefest und von
orange-brauner Farbe.
Gräser und Stauden, ein Kontrast der sich anzieht
Nun muss ich aber noch ein Loblied auf die Gräser der „Alten
Welt“ singen. Vielleicht ist es ein Zufall, dass gerade diese
Gräser mehr den Raum auf den Staudenrabatten eingenommen haben.
Das schon erwähnte Reitgras „Karl Foerster“ gehört dazu,
aber auch das sehr bekannte und sehr ordentliche
„Lampenputzergras“, Pennisetum alopecuroides. Beide
ausgesprochen horstig wachsend. Aber das gehört sich ja auch so
für Garten-Ziergräser, vor allem, wenn sie mit Beetstauden
vereint werden sollen.
Und diese Vereinigung hat einen Sinn. Stauden protzen gern mit
ihren Farben, was freilich jenen Gartenliebhabern entgegenkommt,
die einen bunten Garten haben wollen. Oft wird es aber zu heftig
mit den Farben. Dann nimmt man gern weißblühende Stauden
dazwischen, um einen Puffer zu schaffen zwischen Rot und Gelb,
Blau und Lila usw.
Eine ähnliche Wirkung kann man mit Gräsern erzielen. Schon
wird aus einem bunten Garten ein farbiger Garten! Die Frühlings-
und Frühsommerstauden müssen sich mit dem frisch sprießenden
Grün der Gräser arrangieren und begnügen, was durchaus kein
Nachteil ist. Die Spätsommer- und Herbststauden erhalten dann
aber Gesellschaft von den blühenden und reifenden Gräserhorsten,
deren feine Struktur einen wunderbaren Kontrast zu Blatt und Blüte
der Stauden bildet. Die bräunlichen, strohigen Farben sind eine
Wohltat zwischen den heftigen Farben. Man könnte sich hinreißen
lassen zu dem Sinnspruch: Stauden werden durch Gräser erst
richtig schön. Die Umkehrung ist aber ebenso richtig!
Christian Seiffert, Rundfunk- und Fernsehjournalist |