Illertisser Gartenlust 2006 - Kolumnen
 
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07. Christian Seiffert | vorherige | nächste |
 
Gräser, eine Gartenlust

Was soll man für ein Verhältnis zu Gräsern entwickeln, wenn das erste Gras, mit dem man Kontakt hat, „Pede“ heißt? Für den deutschsprachigen Raum außerhalb Brandenburgs hier die Übersetzung: Pede ist Quecke, botanisch Agropyron! Eine unendliche Geschichte, unendlich die unterirdischen Ausläufer, die Freude jedes Landwirts und Gärtners. Eine unendliche Geschichte sind auch die laufenden Veränderungen der botanischen Namen. Natürlich heißt die Quecke nicht mehr Agropyron, sondern Elymus, genau Elymus repens, die Kriechende! 

Später habe ich mich landwirtschaftlich mit Gräsern beschäftigt: 
mit Weidelgras, Knäuelgras, Wiesenfuchsschwanz, Glatthafer u.s.w. u.s.f.. Wichtig, dass sie hohe Erträge bringen, dass sie Silo und Heustadel füllen. 

Gräser sind Nahrung für Mensch, Tier und die Seele!
Dass Gräser außer Nährwerten auch noch andere positive Eigenschaften haben, diese Erkenntnis brauchte eine längere Zeit. Dabei hätte ein Blick in die Roggenfelder bereits Aufschluss geben müssen. Kornblumen und Klatschmohn werden durch das Grau-Grün-Silber des Roggens erst richtig schön, ja erträglich. Auf Brachflächen im Trentino stehen sie manchmal unvermittelt, ungepuffert knallblau neben knallrot. Das hat gewiss auch seine Reize. Die stillen Reize mit dem Roggen aber zeigen eine Wirkung der Gräser, die man sich ins Lehrbuch hätte schreiben müssen.

Der Weg vom Forst-Unkraut zur braven Staude
Ein Landwirt muss sich langsam an die Ästhetik der Gräser heranarbeiten. So wundert mich rückblickend eigentlich nicht, dass mein erstes „Ziergras“ im Garten das Reitgras mit dem Namen „Karl Foerster“ war. Es ist so, wie sich das ein Bauer für sein Getreide wünscht: ordentlich und standfest, eine Skulptur im Garten bis zum Schnitt im zeitigen Frühling. Wenn man bedenkt, was für lausige Wanderburschen Reitgräser in der Natur sein können! Doch die botanische Bezeichnung des „Skulpturgrases“ ist Calamagrostis x acutiflora. Das x bedeutet, dass es sich um eine Hybride zweier verwandter Arten handelt. In unserem Fall um eine Kreuzung des von den Förstern gehassten Landreitgrases (es behindert die Naturverjüngung in den Wäldern) mit dem horstbildenden Waldreitgras. Hier hat nicht etwa KF. oder sonst jemand mit dem Pinsel gearbeitet. Die Hybride entstand in der Natur und herausgekommen ist dabei ein „Maultier“, ein unfruchtbarer Nachkomme, was Gärtnern nicht unlieb ist, es herrscht Ordnung um das Gras herum! 

Kurze Freude mit langen Grannen
Einen großen Schritt nach vorn in die Welt der Grasschönheiten gelang mir durch glückliche Zufälle in Oberitalien. In einem kleinen Steinbruch ließ ein Gras unendlich lange Grannen im Winde wehen. Welch ein Anblick! Von kompetenter Seite wurde erklärt, es handle sich um Stipa pulcherrima, das schönste aller Federgräser. Es dauerte natürlich nicht lange, bis auch in meinem Garten solch eine Stipa ihre Fahnen wehen ließ. Leider dauert dieser schönste Zustand des Grases nicht lange. Sind die Samen erst einmal reif, dann genügt ein leichter Wind, um die langen Grannen mit der spitzen Frucht davon zu tragen. Was danach übrig bleibt, ist ein arg zerzauster Strohbuschen und die Vorfreude auf das nächste Jahr. Das „Stroh“ kann man ja kaschieren durch Blütenstauden oder andere Gräser.

Sie steht den Lilien näher, als den Gräsern
Auf derselben Reise stießen wir an einem Hang unter sturmverbogenen Buchen auf ein Gras mit auffällig weißen Blüten. Doch was nennt man nicht alles Gras! Aber wenn mir jemand gesagt hätte, diese Pflanze sei eher eine Binse, ich hätte es kaum geglaubt, zumal ihre Blätter stark bewimpert waren, was man von den Binsen nicht gerade behaupten kann. Es war die Schneemarbel oder Hainsimse, die so auffällig leuchtete. Von dieser Pflanze entzückt, suchte ich nach Samen, wurde fündig und freue mich seit 20 Jahren über Luzula nivea, wie sie botanisch hoffentlich noch recht lange heißt. Im oberbayerischen Garten steht sie zu Füßen einiger wildwachsender Buchse, Kiefern und eines Goldregens, am Rande eines inzwischen etwas sich selbst überlassenen Senkgartens. Immer wieder samt sich die Hainsimse aus, ohne je lästig geworden zu sein. 

Wo die blauen Festuca-Arten zu Hause sind
Dann aber die niederlausitzer Heidelandschaften! Trockener Sand, hier und da eine Partie Heidekraut, graue Flechten, vor Trockenheit schwarz gewordene Moose. Und Gräser! Nein, keine grünen Gräser, wie sie auf Wiesen wachsen, sondern graue, graublaue, silberne, ja rosa und violette Grashorste zwischen dem blühenden Heidekraut. 
Nachdem ich das gesehen und erlebt hatte, war es um mich geschehen und um meinen Garten, Gräser mussten Einzug halten!

Eine nicht ganz unbekannte Staudengärtnerei in Illertissen unterstützte meine Wahnidee, und so legten die verschiedensten Gräser den 700 km langen Weg vom Allgäu in die Niederlausitz zurück und wunderten sich erst einmal über den Sand, dann über nur 500 mm Niederschlag und vielleicht auch über den veränderten Luftdruck. Der Garten in der Niederlausitz liegt nur 60 m über dem Meer!

Nun ist ja Illertissen nicht die Heimat dieser Gräser, sondern eine Zwischenstation. Wo kommen sie alle her! Aus Japan, aus Afrika, aus Mexiko, USA, Kanada, aber auch aus dem Allgäu, kurz aus der ganzen Welt, vereint jetzt im niederlausitzer Sandgarten. Da die Gräser der Welt in ihrer Mehrzahl in Steppen, Prärien und Savannen wachsen, waren sie der Ansicht, dass man sich im Sandgarten sehr wohl fühlen könnte.

Ein Hoch auf die Indianer-Gräser
Fasse ich die Arten nach ihrer Herkunft zusammen, so dominieren die Amerikaner inklusive Mexikaner. Und wieder drängt sich mir die Frage auf, wie sähen unsere Gärten wohl ohne die Zutaten der Indianer aus. Von Gemüsen und Kartoffeln ganz zu schweigen. Aber eine Gartenwelt ohne Phloxe und Rudbeckien, ohne Zinnien und Sonnenblumen? Und nun stellt sich heraus, dass auch amerikanische Gräser zu den Schmuckstücken unserer Gärten gehören. 

Das Foerster-Wort, „Gras ist das Haar der Mutter Erde“, drängt sich mir immer auf, wenn ich das mexikanische Federgras betrachte. Vormals Stipa tenuissima, wird es jetzt Nassella tenuissima genannt. 
Ein wahrhaft haariges Gras und das über 12 Monate. Es ist schwierig, heraus zu bekommen, was ist neu gewachsen, was ist alt, was ist Blüte, was der reife Samen. Alles ist Haar. Aber welch ein Bild, mit dem Licht, im Gegenlicht, bei leichtem Wind! Dazwischen Blütenstauden aus Amerika: Nachtkerzen, Oenothera tetragona und Oenothera odorata und Kokardenblumen, Gaillardia-Hybriden. Ein paar weitere amerikanische Gräser sind zur Gesellschaft dazu gepflanzt worden: Hystrix patula, das Flaschenbürstengras aus dem östliches Nordamerika und Bouteloua gracilis, das Moskitogras aus dem Südwesten der USA mit seinen kleinen braunen „Moskito“-Ähren. 
Während ich hier schreibe, liegt draußen noch dicker Schnee. Der ist einigen Gräsern nicht gut bekommen, sie sind unter der feuchten Schwere zusammengebrochen. Nicht aber Hystrix patula. Seine schönen Ähren mit den abstehenden Grannen haben den Schnee abgleiten lassen, nicht festgehalten und so schauen sie unversehrt daraus hervor.

Und es gibt sie doch: Gräser mit Blütenduft!
Noch eine „Western-Ecke“ muss erwähnt werden: Da tobt sich die Gaura lindheimeri aus, ein liederlicher Sämling, der sich laufend versamt. Zur Gesellschaft stehen in seiner Nachbarschaft einige Prachtscharten, Liatris spicata und natürlich wieder ein amerikanisches Gras: Sporobolus heterolepis, das Tautropfengras. Das heißt so, weil an seinen Blütenrispen und später an den Samen nach Regen und Nebel glänzende Tropfen hängen bleiben und das Gras verzaubern. Dropseed sagt man in Amerika dazu. Die Besonderheit dieses Präriegrases ist aber sein Blütenduft. Wer je seine Nase in die Blüten des großen rosa Springkrautes gesteckt hat, weiß nun, wie das Tautropfengras duftet. Mehr noch: seine Halme sind außerordentlich schneefest und von orange-brauner Farbe. 

Gräser und Stauden, ein Kontrast der sich anzieht
Nun muss ich aber noch ein Loblied auf die Gräser der „Alten Welt“ singen. Vielleicht ist es ein Zufall, dass gerade diese Gräser mehr den Raum auf den Staudenrabatten eingenommen haben. Das schon erwähnte Reitgras „Karl Foerster“ gehört dazu, aber auch das sehr bekannte und sehr ordentliche „Lampenputzergras“, Pennisetum alopecuroides. Beide ausgesprochen horstig wachsend. Aber das gehört sich ja auch so für Garten-Ziergräser, vor allem, wenn sie mit Beetstauden vereint werden sollen. 
Und diese Vereinigung hat einen Sinn. Stauden protzen gern mit ihren Farben, was freilich jenen Gartenliebhabern entgegenkommt, die einen bunten Garten haben wollen. Oft wird es aber zu heftig mit den Farben. Dann nimmt man gern weißblühende Stauden dazwischen, um einen Puffer zu schaffen zwischen Rot und Gelb, Blau und Lila usw. 
Eine ähnliche Wirkung kann man mit Gräsern erzielen. Schon wird aus einem bunten Garten ein farbiger Garten! Die Frühlings- und Frühsommerstauden müssen sich mit dem frisch sprießenden Grün der Gräser arrangieren und begnügen, was durchaus kein Nachteil ist. Die Spätsommer- und Herbststauden erhalten dann aber Gesellschaft von den blühenden und reifenden Gräserhorsten, deren feine Struktur einen wunderbaren Kontrast zu Blatt und Blüte der Stauden bildet. Die bräunlichen, strohigen Farben sind eine Wohltat zwischen den heftigen Farben. Man könnte sich hinreißen lassen zu dem Sinnspruch: Stauden werden durch Gräser erst richtig schön. Die Umkehrung ist aber ebenso richtig!

Christian Seiffert, Rundfunk- und Fernsehjournalist