Illertisser Gartenlust 2007 - Kolumnen
 
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01. Silke Kluth | vorherige | nächste |
 

Wenn sich Traum und Poesie auf Sinn und Unsinn reimen

Samstagmorgen, 11. September 2004. Die ersten Besucher der „Illertisser Gartenlust“ bei der Staudengärtnerei Gaissmayer kommen beim Schlendern entlang der Marktstände mit Pflanzenraritäten, Werkzeugen und allerhand Gartenkleinodien unversehens ins Stocken: Vor dem Stand des Keramik-Ateliers Feuerland ist die Straße mehrere Meter lang über ihre gesamte Breite mit Tonplatten ausgelegt. Man zögert. Traut sich nicht, und umgeht das vermeintliche Hindernis durch einen Balanceakt ganz am Rand zwischen Stand und Straße. So war das nicht gedacht. Thomas Stüke, der „Plattenleger“, kichert sich kurz ins Fäustchen. Dann gibt er den Vorläufer. „Krack, krack, krack“, zerbrechen die Platten unter seinen Schuhen. Aha! Na gut. Die ersten Passanten folgen seinem Beispiel – und ziehen alle hinterher, die an diesem Tag noch nach ihnen kommen.

Nicht, dass Thomas Stüke diese Straßensperre – seine Inszenierung zum Gartenlust-Motto 2004 „Traum und Poesie“ – tatsächlich bräuchte, um Aufmerksamkeit zu erregen. Seinen Gartenkeramiken wohnt ein gewisser Zauber inne, dem fast niemand widerstehen kann. Oft weiß man gar nicht so recht, warum. Es ist mehr ein Gefühl. Die schlichten Formen aus rotem Ton mit dunkelgrünblauer Teilglasur und den feuerlandtypischen Reliefmotiven, wie Nautilus, Labyrinth, floralen Ranken, Karos oder Fischen, bringen in der Seele etwas zum Klingen. Da kann man leicht ins Philosophieren kommen. Muss man aber nicht. Die Dinge von Feuerland mögen sich eigenwillig und vielleicht sogar ein bisschen rätselhaft geben. Sie sind aber auch völlig unkompliziert und, wenn man so will, einfach nur richtig schön. Sogar dauerhaft: Winter und Wetter können ihnen nichts anhaben. Als gelernter Baukeramiker verwendet Thomas Stüke Westerländer Ton, der nach seiner Rezeptur mit Schamottemehl vermischt geliefert wird. Das macht die Masse ordentlich stabil; sie kann – im Gegensatz zu den auf Töpferscheiben hochgezogenen Gefäßen – buchstäblich zu größeren Objekten „aufgebaut“ werden. Das Ergebnis sieht aus wie Terrakotta, ist aber so robust und frostfest wie Dachziegel, die im Prinzip aus der gleichen Materialmischung bestehen wie die Feuerland-Kreationen.

Krack, krack, krack. Je weiter der Tag fortschreitet, desto mehr Platten verwandeln sich auf der Illertisser Gartenlust in Scherben und die Scherben in Krümel. Eine Metamorphose mit Hintersinn: „Man verändert die Dinge ständig mit allem, was man tut – allein schon dadurch, dass man lebt,“ sinniert Thomas Stüke und lässt die Scherbenläufer seine Variante des Schicksalhaften mit einem Augenzwinkern hier vor dem Stand körperlich spüren. Manche gehen darüber hinweg und haben ihren Spaß dabei. Andere schauen genauer hin. Und siehe da: Auf einigen der Platten stehen geprägte Worte. Das regt den Sammeltrieb an. Und die Fantasie. „DU & ICH“, heben die Schatzsucher auf und türmen noch „STANDORT“, „RICHTUNG“ sowie „ASCHE & GOLD“ darüber – wenn sie sie erwischen. 

Der Umgang mit Worten und Schrift ist ein weiteres Markenzeichen, nein, eigentlich eine Leidenschaft von Thomas Stüke. In allen Facetten von sinnentleert bis zur gefestigten Bedeutung: Auf Kugeln und Pflanzgefäßen steht unleserlich von Hand Geschriebenes, das die Reliefstellen mit undekorierten Bereichen zu einem harmonischen Ganzen verbindet. Wandfliesen weisen Fragmente von jahrhundertealten Grabsteininschriften auf, deren Buchstaben und Zahlen zwar erkennbar sind, doch lediglich der Ornamentik dienen. Wer lieber Sinnvolles lesen möchte, kann zu Fliesen oder Gefäßen mit „richtigen“ Sätzen greifen wie „Man geht nie zweimal in den selben Garten“ oder „Traue nicht dem Ort, an dem kein Unkraut wächst“. Die Marktbesucher schmunzeln darüber und tragen solcherlei Erkenntnisse, die offensichtlich ihre Gefühle widerspiegeln, gerne nach Hause. 

Auf der „Gartenlust“ wird es Abend. Die Scherben und Krümel sind zu Tonstaub zermahlen. Ganz am Rand der Straße, neben dem Asphalt in einem kleinen Winkel zwischen zwei Ausstellungsstücken, hat ein handtellergroßes Scherbenstück den Tag überstanden. „GOLD“ steht darauf. Wenn das kein Finderglück ist! Thomas Stüke gibt seinen Segen dazu – ich darf es behalten. Er hat noch eine Kiste mit intakten Platten für den zweiten Gartenlust-Markttag dabei.

Samstagmorgen, 8. September 2007. Das Motto der „Illertisser Gartenlust“ lautet in diesem Jahr „Sinn und Unsinn“. Thematisch gesehen könnte Thomas Stüke glatt wieder seine Fliesen auslegen. Er tut es nicht, denn zu „Sinn und Unsinn“ fällt ihm etwas anderes ein. Mal sehen, was dieses Mal passiert...

Silke Kluth ist freie Gartenjournalistin & Redakteurin.