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Wenn sich Traum und Poesie auf Sinn
und Unsinn reimen
Samstagmorgen, 11. September 2004. Die ersten Besucher der
„Illertisser Gartenlust“ bei der Staudengärtnerei
Gaissmayer kommen beim Schlendern entlang der Marktstände
mit Pflanzenraritäten, Werkzeugen und allerhand
Gartenkleinodien unversehens ins Stocken: Vor dem Stand
des Keramik-Ateliers Feuerland ist die Straße mehrere
Meter lang über ihre gesamte Breite mit Tonplatten
ausgelegt. Man zögert. Traut sich nicht, und umgeht das
vermeintliche Hindernis durch einen Balanceakt ganz am
Rand zwischen Stand und Straße. So war das nicht gedacht.
Thomas Stüke, der „Plattenleger“, kichert sich kurz
ins Fäustchen. Dann gibt er den Vorläufer. „Krack,
krack, krack“, zerbrechen die Platten unter seinen
Schuhen. Aha! Na gut. Die ersten Passanten folgen seinem
Beispiel – und ziehen alle hinterher, die an diesem Tag
noch nach ihnen kommen.
Nicht, dass Thomas Stüke diese Straßensperre – seine
Inszenierung zum Gartenlust-Motto 2004 „Traum und
Poesie“ – tatsächlich bräuchte, um Aufmerksamkeit zu
erregen. Seinen Gartenkeramiken wohnt ein gewisser Zauber
inne, dem fast niemand widerstehen kann. Oft weiß man gar
nicht so recht, warum. Es ist mehr ein Gefühl. Die
schlichten Formen aus rotem Ton mit dunkelgrünblauer
Teilglasur und den feuerlandtypischen Reliefmotiven, wie
Nautilus, Labyrinth, floralen Ranken, Karos oder Fischen,
bringen in der Seele etwas zum Klingen. Da kann man leicht
ins Philosophieren kommen. Muss man aber nicht. Die Dinge
von Feuerland mögen sich eigenwillig und vielleicht sogar
ein bisschen rätselhaft geben. Sie sind aber auch völlig
unkompliziert und, wenn man so will, einfach nur richtig
schön. Sogar dauerhaft: Winter und Wetter können ihnen
nichts anhaben. Als gelernter Baukeramiker verwendet
Thomas Stüke Westerländer Ton, der nach seiner Rezeptur
mit Schamottemehl vermischt geliefert wird. Das macht die
Masse ordentlich stabil; sie kann – im Gegensatz zu den
auf Töpferscheiben hochgezogenen Gefäßen – buchstäblich
zu größeren Objekten „aufgebaut“ werden. Das
Ergebnis sieht aus wie Terrakotta, ist aber so robust und
frostfest wie Dachziegel, die im Prinzip aus der gleichen
Materialmischung bestehen wie die Feuerland-Kreationen.
Krack, krack, krack. Je weiter der Tag fortschreitet,
desto mehr Platten verwandeln sich auf der Illertisser
Gartenlust in Scherben und die Scherben in Krümel. Eine
Metamorphose mit Hintersinn: „Man verändert die Dinge
ständig mit allem, was man tut – allein schon dadurch,
dass man lebt,“ sinniert Thomas Stüke und lässt die
Scherbenläufer seine Variante des Schicksalhaften mit
einem Augenzwinkern hier vor dem Stand körperlich spüren.
Manche gehen darüber hinweg und haben ihren Spaß dabei.
Andere schauen genauer hin. Und siehe da: Auf einigen der
Platten stehen geprägte Worte. Das regt den Sammeltrieb
an. Und die Fantasie. „DU & ICH“, heben die
Schatzsucher auf und türmen noch „STANDORT“,
„RICHTUNG“ sowie „ASCHE & GOLD“ darüber –
wenn sie sie erwischen.
Der Umgang mit Worten und Schrift ist ein weiteres
Markenzeichen, nein, eigentlich eine Leidenschaft von
Thomas Stüke. In allen Facetten von sinnentleert bis zur
gefestigten Bedeutung: Auf Kugeln und Pflanzgefäßen
steht unleserlich von Hand Geschriebenes, das die
Reliefstellen mit undekorierten Bereichen zu einem
harmonischen Ganzen verbindet. Wandfliesen weisen
Fragmente von jahrhundertealten Grabsteininschriften auf,
deren Buchstaben und Zahlen zwar erkennbar sind, doch
lediglich der Ornamentik dienen. Wer lieber Sinnvolles
lesen möchte, kann zu Fliesen oder Gefäßen mit
„richtigen“ Sätzen greifen wie „Man geht nie
zweimal in den selben Garten“ oder „Traue nicht dem
Ort, an dem kein Unkraut wächst“. Die Marktbesucher
schmunzeln darüber und tragen solcherlei Erkenntnisse,
die offensichtlich ihre Gefühle widerspiegeln, gerne nach
Hause.
Auf der „Gartenlust“ wird es Abend. Die Scherben und
Krümel sind zu Tonstaub zermahlen. Ganz am Rand der Straße,
neben dem Asphalt in einem kleinen Winkel zwischen zwei
Ausstellungsstücken, hat ein handtellergroßes Scherbenstück
den Tag überstanden. „GOLD“ steht darauf. Wenn das
kein Finderglück ist! Thomas Stüke gibt seinen Segen
dazu – ich darf es behalten. Er hat noch eine Kiste mit
intakten Platten für den zweiten Gartenlust-Markttag
dabei.
Samstagmorgen, 8. September 2007. Das Motto der „Illertisser
Gartenlust“ lautet in diesem Jahr „Sinn und Unsinn“.
Thematisch gesehen könnte Thomas Stüke glatt wieder
seine Fliesen auslegen. Er tut es nicht, denn zu „Sinn
und Unsinn“ fällt ihm etwas anderes ein. Mal sehen, was
dieses Mal passiert...
Silke Kluth ist freie Gartenjournalistin &
Redakteurin.
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