Illertisser Gartenlust 2007 - Kolumnen
 
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02. Michael Breckwoldt | vorherige | nächste |
 

Guck mal, wer da spricht 

Tomaten, die durch Streicheleinheiten und guten Zuspruch fit bleiben, Kräuter die sich Signale zuraunen, wenn Schädlinge im Anmarsch sind und Rebstöcke, die nach Beschallung mit klassischer Musik ihre Erträge steigern – was ist los in der Pflanzenwelt? Oder besser, was ist los mit den Naturwissenschaften. Denn die gerade erwähnten Phänomene gehen auf seriöse Beobachtungen zurück, die mittlerweile von verschiedenen wissenschaftlichen Teams genauer unter die Lupe genommen werden. 
Bahnt sich da etwa eine Art Liaison zwischen dem Kraut und der Krone der Schöpfung, dem Menschen, an? Zumindest scheint es mittlerweile unzweifelhaft, was schon Peter Thomkins und Christopher Bird vor 30 Jahren in ihrem Buch „Die geheime Sprache der Pflanzen“ beschrieben: Pflanzen reagieren wie Menschen. Sie haben Gefühle und Erinnerungsvermögen, sie sind in der Lage optische und akustische Eindrücke wahrzunehmen, und zwischen Harmonien und Dissonanzen zu unterscheiden. 
„Knapp ein Drittel der Deutschen spricht angeblich mit den Wohnzimmergewächsen“, schrieb unlängst der Spiegel. Und auch das Grün selbst scheint sich angeregt zu unterhalten. „Das ganze Flüstern, Säuseln und Wispern zwischen den Blättern und Stängeln“ – für den Ökologen Ian Baldwin, Forscher am Max-Planck-Institut in Jena, ist es eine linguistische Offenbarung, hieß es im Hamburger Magazin weiter.
Zu einer linguistischen Offenbarung ganz anderer Art wurde der Grünwuchs noch vor mehr als 250 Jahren für den Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe. Man denke etwa an sein Gedicht „Mailied“, wo es heißt: „Wie herrlich leuchtet / mir die Natur! / Wie glänzet die Sonne! / Wie lacht die Flur! / Es dringen Blüten / Aus jedem Zweig / Und tausend Stimmen / Aus dem Gesträuch“. Während der Dichter selbst als 20-jähriger am Hof der Landgräfin Caroline von Hessen Darmstadt mit natur- und literaturbegeisterten Freunden an schönen Tagen schon einmal nachts im Wald sich herumtrieb und Bäume umarmte, spiegelt sich das Liebesleben seiner Romanfigur Werther in einer reichen Naturmetaphorik wieder (etwa im Brief vom 10. Mai). In Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe später über diese Zeit intensiven Naturerlebens: „Gewiss, es ist keine schönere Gottesverehrung als die, zu der man kein Bild bedarf, die bloß aus dem Wechselgespräch mit der Natur in unserem Busen entspringt“. 
Zeit seines Lebens ist der Dichter dieser Form von Pantheismus treu geblieben, auch später noch, als ihn die Natur vornehmlich wissenschaftlich und weniger emotional interessierte. Immer aber verstand er es meisterlich, Orte der Natur so auszuwählen, dass sie mit Handlung und Aussage seiner Literatur korrespondierten. So auch in dem gerade erwähnten Beispiel, dem „Wechselgespräch der Natur“. Die Szene für diese erhabenen Gefühle siedelte Goethe tief im Wald an, „wo die ältesten Eichen und Buchen einen herrlichen großen beschatteten Raum bildeten.“ Dieser war von dichten Gebüschen umgeben, „aus denen bemooste Felsen mächtig und würdig hervorblickten und einem wasserreichen Bach einen raschen Fall verschafften“, heißt es in seiner autobiografischen Schrift. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Art Naturkathedrale von einer besonderen Atmosphäre erfüllt war.
Im 18. Jahrhundert waren Naturstimmungen häufig Gegenstand der Dichtung. Anders als heute standen die Menschen dieser weitestgehend noch unbearbeiteten Welt relativ schutzlos gegenüber. Gewitter, Gebirge und dichte, dunkle Wälder wurden vielfach als beängstigend oder bedrückend empfunden. Die Dichter bedienten sich großzügig aus diesem Fundus, der neben düsteren Stimmungen auch viel Liebliches zu bieten hatte. Doch in der Regel war klar, dass Natur nicht mehr war, als ein mächtiger Resonanzkörper: es hallte daraus zurück, was der Mensch hineinrief. 
Oder etwa doch nicht? Vor rund 15 Jahren versuchten einige Philosophen, genau diesen Standpunkt neu zu bestimmen: „Versteht man dagegen Sinnlichkeit als leibliche Anwesenheit, so liegt darin von vorneherein eine Zweiseitigkeit: Die Umgebung wird spürbar in unserem Befinden, und wir verbreiten eine Atmosphäre in unserer Umgebung“, schrieb Gernot Böhme 1989 in seinem Buch „Für eine ökologische Naturästhetik“. Zum Beleg dieser These wird ein Zeitgenosse Goethes, der Kieler Professor Christian Cay Lorenz Hirschfeld herangezogen. Dieser entwickelte anhand von Szenen in der Natur eine Gartentheorie, die davon ausgeht, dass damit genau kalkulierte Stimmungen erzeugt werden können.
Die Natur „hat Gegenden, die bald zur lebhaften Freude, bald zur ruhigen Ergötzung, bald zur sanften Melancholie, bald zur Ehrfurcht, Bewunderung und einer feierlichen Erhebung der Seele“ einladen, schrieb der Professor. Er unterstellte, dass alle Menschen das in etwa gleich empfinden würden. Über eine hügelige Landschaft heißt es, sie habe „mehr Freiheit, Heiterkeit und Anmuth als die Ebene. Das Offene und Luftige ist ihr Eigenthum. Sie bekränzt Aussichten, und eröffnet zugleich neue; sie (…) überrascht auf ihrem Gipfel und gewährt der Seele ein angenehmes Gefühl der Erhebung“. Ganz anders dagegen die Wirkung von Felsen. Sie bilden durch Höhe, Ausdehnung und Rauigkeit besondere landschaftliche Szenen, die „vorzüglich fähig sind, Erstaunen, Ehrfurcht, Schrecken und Schauder einzuflößen“.
So gewann Hirschfeld vier unterschiedliche sinnliche Qualitäten. Abwechslungsreiche Gegenden mit Hügeln, blühenden Wiesen, Waldstücken und Seen rufen angenehme, heitere Gefühle hervor. Sanftmelancholisch nannte er ein Stück Natur, auf dem Gebüsch und hohe Bäumen die Aussicht versperren und sich stille oder dumpf murmelnde Gewässer befinden. Bezaubernd bzw. romantisch zeigt sich die Landschaft dort, wo Gegensätze sich reiben, etwa in den Bergen, wo nach einer rauen Wildnis plötzlich ein stilles, blühendes Tal sichtbar wird. Schroffes Gebirge ruft dagegen noch stärkere Empfindungen hervor, die mit erhaben und feierlich bezeichnet werden.
Hirschfeld stellte seine Theorie ganz in den Dienst des Landschaftsgartens, der zu seiner Zeit von England ausgehend gerade seine Blütezeit erlebte und als dessen Wegbereiter der Kieler Theoretiker in Deutschland noch heute gilt. Für seine gestalterischen Ideen hatte er also weitläufige Parks vor Augen. Dennoch ging er in seinen Empfehlungen so weit, selbst einzelnen Pflanzen emotionale Attribute zu zuweisen.
Bäume mit dunklem Laub, wie Schwarze Eiche, Eibe und Blutbuche eignen sich für melancholische Szenen. Für heitere Stimmung sorgen dagegen Bäume mit hellem, glänzendem Laub, wie Birken, Hainbuchen, Lorbeerweiden und vor allem Blumen. Der Kieler Professor empfahl schon (rund 100 Jahre vor William Robinson) Schachbrettblumen, Orchideen und wilde Narzissen zerstreut im Gras und Rasen anzusiedeln. Und für die Gestaltung der Beete gab es folgende Regel: „Die feinsten und lieblichsten Farben müssen dem Auge am nächsten sein; die stärkeren und leuchtenden mehr in der Ferne.“ 
Der Rasen innerhalb eines Gartens wurde etwa mit den Wiesen der Landschaft gleichgesetzt. Bodenunebenheiten sind nach Hirschfeld dort besonders schön, weil „sie die Einförmigkeit der geraden Linie unterbrechen und angenehme Schattierungen veranlassen“. Am stärksten ist die Wirkung einer Rasenfläche, wenn man etwa aus einer schattigen Partie unvermittelt auf das frisches Grün trifft. Auch können Rasenflächen durch kleine Blumengruppen aufgeheitert werden.
Eine große Rolle spielten die Klangfarben des Wassers. Ein „helles Rieseln und spielendes Gekräusel verbreitet Munterkeit; schneller Lauf und hüpfende Fälle Freude. Reißende Geschwindigkeit und schäumendes Fortjagen erregen den Begriff von Stärke.“ Fließt es jedoch „unter einer Überschattung langsam dahin, so hat es das Ansehen des Ernstes und des Trübsinns“. Die Aufgabe damaliger Gartengestalter war es nun, eine dramaturgische Szenenfolge zu entwerfen. Die Parkbesucher sollten dieser auf einer festgelegten Route folgen und die unterschiedlichen Stimmungen auf sich wirken lassen.
Über Hirschfelds Gestaltungslehre schrieb Gernot Böhme: „In dieser Theorie wird die Objektivität oder sagen wir Quasiobjektivität von Stimmungen anerkannt, das heißt also die Tatsache, dass beispielsweise die Melancholie eines Abendhimmels nicht die Projektion meines inneren seelischen Zustandes ist, sondern eine Atmosphäre, in die ich hineingeraten kann und durch die ich gestimmt werde.“
Spricht die Trauerweide demnach zu uns, wenn ihre Zweige wie ein Schleier den Blick trüben? Oder der Apfelbaum, dessen blühende Krone uns im Frühjahr irgendwie fröhlich stimmt? Oder ist das alles nur eine Frage der Psychologie?
In die entgegengesetzte Richtung gedacht bekommen diese Suggestivkräfte eine neue Dimension. Was nämlich, wenn die Pflanzen auf das hören, was wir ihnen sagen?
In Findhorn, einer esoterisch angehauchten Gemeinschaft im Nordosten Schottlands, erklärten die Gärtner es den Sträuchern, wenn sie vorhatten, sie zu verpflanzen. Und einige Zeit darauf ließen sich diese ganz leicht aus der Erde ziehen. Das mag etwas spinnert klingen. Untersuchungen von Manfred Hoffmann belegen jedoch, dass Tomatenpflanzen, die mit Liebe behandelt wurden, höhere Erträge brachten und insgesamt gesünder waren, als solche, die neutral behandelt wurden. Der Professor für landwirtschaftliche Verfahrenstechnik an der FH Weihenstephan hat darüber hinaus eine Reihe von Beispielen gesammelt, die ein Beleg sind für so genannte Biokommunikation, also für den „Austausch von Informationen zwischen den verschiedenen Seins-Formen des Lebens, zum Beispiel zwischen Mensch, Tier und Pflanze“, wie er schreibt. So weiß man inzwischen eben auch, das kranke oder bedrohte Pflanzen sich untereinander austauschen, um am Leben zu bleiben. Verbürgt ist auch der toskanische Winzer, der seinen Rebstöcken Mozart, Händel und Tschaikowski vorspielt und damit qualitativ hochwertigere Trauben erzeugt als seine Nachbarn – ein Phänomen, das nun ein naturwissenschaftliches Institut in Mailand genauer beleuchtet.
Die Gewächse haben eine eigene Wahrnehmung und reagieren sogar auf uns Menschen. Jetzt wäre es doch `mal an der Zeit, dass auch wir ein offenes Ohr für den Grünwuchs zeigen, meinen Sie nicht?

Michael Breckwoldt (Autor und freier Gartenjournalist)


Literatur:
· Böhme, Gernot: Für eine ökologische Naturästhetik. Suhrkamp 1989.
· Der musikalische Weinberg, Der Spiegel 47/2005.
· Die Pflanzenflüsterer, Der Spiegel 26/2006.
· Goethe, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit, Zweiter Teil, 6. Buch.
· Hawken, Paul: Der Zauber von Findhorn. Hugendubel 1980.
· Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der Gartenkunst (1779 – 1785). New York 1973.
· Hoffmann, Manfred: Kommunikation zwischen Mensch und Pflanze: Fakt oder Scharlatanerie? Vortragsmanuskript 2003.