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Guck mal, wer da spricht
Tomaten, die durch Streicheleinheiten und guten Zuspruch
fit bleiben, Kräuter die sich Signale zuraunen, wenn Schädlinge
im Anmarsch sind und Rebstöcke, die nach Beschallung mit
klassischer Musik ihre Erträge steigern – was ist los
in der Pflanzenwelt? Oder besser, was ist los mit den
Naturwissenschaften. Denn die gerade erwähnten Phänomene
gehen auf seriöse Beobachtungen zurück, die mittlerweile
von verschiedenen wissenschaftlichen Teams genauer unter
die Lupe genommen werden.
Bahnt sich da etwa eine Art Liaison zwischen dem Kraut und
der Krone der Schöpfung, dem Menschen, an? Zumindest
scheint es mittlerweile unzweifelhaft, was schon Peter
Thomkins und Christopher Bird vor 30 Jahren in ihrem Buch
„Die geheime Sprache der Pflanzen“ beschrieben:
Pflanzen reagieren wie Menschen. Sie haben Gefühle und
Erinnerungsvermögen, sie sind in der Lage optische und
akustische Eindrücke wahrzunehmen, und zwischen Harmonien
und Dissonanzen zu unterscheiden.
„Knapp ein Drittel der Deutschen spricht angeblich mit
den Wohnzimmergewächsen“, schrieb unlängst der
Spiegel. Und auch das Grün selbst scheint sich angeregt
zu unterhalten. „Das ganze Flüstern, Säuseln und
Wispern zwischen den Blättern und Stängeln“ – für
den Ökologen Ian Baldwin, Forscher am Max-Planck-Institut
in Jena, ist es eine linguistische Offenbarung, hieß es
im Hamburger Magazin weiter.
Zu einer linguistischen Offenbarung ganz anderer Art wurde
der Grünwuchs noch vor mehr als 250 Jahren für den
Geheimrat Johann Wolfgang von Goethe. Man denke etwa an
sein Gedicht „Mailied“, wo es heißt: „Wie herrlich
leuchtet / mir die Natur! / Wie glänzet die Sonne! / Wie
lacht die Flur! / Es dringen Blüten / Aus jedem Zweig /
Und tausend Stimmen / Aus dem Gesträuch“. Während der
Dichter selbst als 20-jähriger am Hof der Landgräfin
Caroline von Hessen Darmstadt mit natur- und
literaturbegeisterten Freunden an schönen Tagen schon
einmal nachts im Wald sich herumtrieb und Bäume umarmte,
spiegelt sich das Liebesleben seiner Romanfigur Werther in
einer reichen Naturmetaphorik wieder (etwa im Brief vom
10. Mai). In Dichtung und Wahrheit schreibt Goethe später
über diese Zeit intensiven Naturerlebens: „Gewiss, es
ist keine schönere Gottesverehrung als die, zu der man
kein Bild bedarf, die bloß aus dem Wechselgespräch mit
der Natur in unserem Busen entspringt“.
Zeit seines Lebens ist der Dichter dieser Form von
Pantheismus treu geblieben, auch später noch, als ihn die
Natur vornehmlich wissenschaftlich und weniger emotional
interessierte. Immer aber verstand er es meisterlich, Orte
der Natur so auszuwählen, dass sie mit Handlung und
Aussage seiner Literatur korrespondierten. So auch in dem
gerade erwähnten Beispiel, dem „Wechselgespräch der
Natur“. Die Szene für diese erhabenen Gefühle siedelte
Goethe tief im Wald an, „wo die ältesten Eichen und
Buchen einen herrlichen großen beschatteten Raum
bildeten.“ Dieser war von dichten Gebüschen umgeben,
„aus denen bemooste Felsen mächtig und würdig
hervorblickten und einem wasserreichen Bach einen raschen
Fall verschafften“, heißt es in seiner
autobiografischen Schrift. Man kann sich gut vorstellen,
dass diese Art Naturkathedrale von einer besonderen
Atmosphäre erfüllt war.
Im 18. Jahrhundert waren Naturstimmungen häufig
Gegenstand der Dichtung. Anders als heute standen die
Menschen dieser weitestgehend noch unbearbeiteten Welt
relativ schutzlos gegenüber. Gewitter, Gebirge und
dichte, dunkle Wälder wurden vielfach als beängstigend
oder bedrückend empfunden. Die Dichter bedienten sich großzügig
aus diesem Fundus, der neben düsteren Stimmungen auch
viel Liebliches zu bieten hatte. Doch in der Regel war
klar, dass Natur nicht mehr war, als ein mächtiger
Resonanzkörper: es hallte daraus zurück, was der Mensch
hineinrief.
Oder etwa doch nicht? Vor rund 15 Jahren versuchten einige
Philosophen, genau diesen Standpunkt neu zu bestimmen:
„Versteht man dagegen Sinnlichkeit als leibliche
Anwesenheit, so liegt darin von vorneherein eine
Zweiseitigkeit: Die Umgebung wird spürbar in unserem
Befinden, und wir verbreiten eine Atmosphäre in unserer
Umgebung“, schrieb Gernot Böhme 1989 in seinem Buch
„Für eine ökologische Naturästhetik“. Zum Beleg
dieser These wird ein Zeitgenosse Goethes, der Kieler
Professor Christian Cay Lorenz Hirschfeld herangezogen.
Dieser entwickelte anhand von Szenen in der Natur eine
Gartentheorie, die davon ausgeht, dass damit genau
kalkulierte Stimmungen erzeugt werden können.
Die Natur „hat Gegenden, die bald zur lebhaften Freude,
bald zur ruhigen Ergötzung, bald zur sanften Melancholie,
bald zur Ehrfurcht, Bewunderung und einer feierlichen
Erhebung der Seele“ einladen, schrieb der Professor. Er
unterstellte, dass alle Menschen das in etwa gleich
empfinden würden. Über eine hügelige Landschaft heißt
es, sie habe „mehr Freiheit, Heiterkeit und Anmuth als
die Ebene. Das Offene und Luftige ist ihr Eigenthum. Sie
bekränzt Aussichten, und eröffnet zugleich neue; sie
(…) überrascht auf ihrem Gipfel und gewährt der Seele
ein angenehmes Gefühl der Erhebung“. Ganz anders
dagegen die Wirkung von Felsen. Sie bilden durch Höhe,
Ausdehnung und Rauigkeit besondere landschaftliche Szenen,
die „vorzüglich fähig sind, Erstaunen, Ehrfurcht,
Schrecken und Schauder einzuflößen“.
So gewann Hirschfeld vier unterschiedliche sinnliche
Qualitäten. Abwechslungsreiche Gegenden mit Hügeln, blühenden
Wiesen, Waldstücken und Seen rufen angenehme, heitere Gefühle
hervor. Sanftmelancholisch nannte er ein Stück Natur, auf
dem Gebüsch und hohe Bäumen die Aussicht versperren und
sich stille oder dumpf murmelnde Gewässer befinden.
Bezaubernd bzw. romantisch zeigt sich die Landschaft dort,
wo Gegensätze sich reiben, etwa in den Bergen, wo nach
einer rauen Wildnis plötzlich ein stilles, blühendes Tal
sichtbar wird. Schroffes Gebirge ruft dagegen noch stärkere
Empfindungen hervor, die mit erhaben und feierlich
bezeichnet werden.
Hirschfeld stellte seine Theorie ganz in den Dienst des
Landschaftsgartens, der zu seiner Zeit von England
ausgehend gerade seine Blütezeit erlebte und als dessen
Wegbereiter der Kieler Theoretiker in Deutschland noch
heute gilt. Für seine gestalterischen Ideen hatte er also
weitläufige Parks vor Augen. Dennoch ging er in seinen
Empfehlungen so weit, selbst einzelnen Pflanzen emotionale
Attribute zu zuweisen.
Bäume mit dunklem Laub, wie Schwarze Eiche, Eibe und
Blutbuche eignen sich für melancholische Szenen. Für
heitere Stimmung sorgen dagegen Bäume mit hellem, glänzendem
Laub, wie Birken, Hainbuchen, Lorbeerweiden und vor allem
Blumen. Der Kieler Professor empfahl schon (rund 100 Jahre
vor William Robinson) Schachbrettblumen, Orchideen und
wilde Narzissen zerstreut im Gras und Rasen anzusiedeln.
Und für die Gestaltung der Beete gab es folgende Regel:
„Die feinsten und lieblichsten Farben müssen dem Auge
am nächsten sein; die stärkeren und leuchtenden mehr in
der Ferne.“
Der Rasen innerhalb eines Gartens wurde etwa mit den
Wiesen der Landschaft gleichgesetzt. Bodenunebenheiten
sind nach Hirschfeld dort besonders schön, weil „sie
die Einförmigkeit der geraden Linie unterbrechen und
angenehme Schattierungen veranlassen“. Am stärksten ist
die Wirkung einer Rasenfläche, wenn man etwa aus einer
schattigen Partie unvermittelt auf das frisches Grün
trifft. Auch können Rasenflächen durch kleine
Blumengruppen aufgeheitert werden.
Eine große Rolle spielten die Klangfarben des Wassers.
Ein „helles Rieseln und spielendes Gekräusel verbreitet
Munterkeit; schneller Lauf und hüpfende Fälle Freude.
Reißende Geschwindigkeit und schäumendes Fortjagen
erregen den Begriff von Stärke.“ Fließt es jedoch
„unter einer Überschattung langsam dahin, so hat es das
Ansehen des Ernstes und des Trübsinns“. Die Aufgabe
damaliger Gartengestalter war es nun, eine dramaturgische
Szenenfolge zu entwerfen. Die Parkbesucher sollten dieser
auf einer festgelegten Route folgen und die
unterschiedlichen Stimmungen auf sich wirken lassen.
Über Hirschfelds Gestaltungslehre schrieb Gernot Böhme:
„In dieser Theorie wird die Objektivität oder sagen wir
Quasiobjektivität von Stimmungen anerkannt, das heißt
also die Tatsache, dass beispielsweise die Melancholie
eines Abendhimmels nicht die Projektion meines inneren
seelischen Zustandes ist, sondern eine Atmosphäre, in die
ich hineingeraten kann und durch die ich gestimmt
werde.“
Spricht die Trauerweide demnach zu uns, wenn ihre Zweige
wie ein Schleier den Blick trüben? Oder der Apfelbaum,
dessen blühende Krone uns im Frühjahr irgendwie fröhlich
stimmt? Oder ist das alles nur eine Frage der Psychologie?
In die entgegengesetzte Richtung gedacht bekommen diese
Suggestivkräfte eine neue Dimension. Was nämlich, wenn
die Pflanzen auf das hören, was wir ihnen sagen?
In Findhorn, einer esoterisch angehauchten Gemeinschaft im
Nordosten Schottlands, erklärten die Gärtner es den Sträuchern,
wenn sie vorhatten, sie zu verpflanzen. Und einige Zeit
darauf ließen sich diese ganz leicht aus der Erde ziehen.
Das mag etwas spinnert klingen. Untersuchungen von Manfred
Hoffmann belegen jedoch, dass Tomatenpflanzen, die mit
Liebe behandelt wurden, höhere Erträge brachten und
insgesamt gesünder waren, als solche, die neutral
behandelt wurden. Der Professor für landwirtschaftliche
Verfahrenstechnik an der FH Weihenstephan hat darüber
hinaus eine Reihe von Beispielen gesammelt, die ein Beleg
sind für so genannte Biokommunikation, also für den
„Austausch von Informationen zwischen den verschiedenen
Seins-Formen des Lebens, zum Beispiel zwischen Mensch,
Tier und Pflanze“, wie er schreibt. So weiß man
inzwischen eben auch, das kranke oder bedrohte Pflanzen
sich untereinander austauschen, um am Leben zu bleiben.
Verbürgt ist auch der toskanische Winzer, der seinen
Rebstöcken Mozart, Händel und Tschaikowski vorspielt und
damit qualitativ hochwertigere Trauben erzeugt als seine
Nachbarn – ein Phänomen, das nun ein
naturwissenschaftliches Institut in Mailand genauer
beleuchtet.
Die Gewächse haben eine eigene Wahrnehmung und reagieren
sogar auf uns Menschen. Jetzt wäre es doch `mal an der
Zeit, dass auch wir ein offenes Ohr für den Grünwuchs
zeigen, meinen Sie nicht?
Michael Breckwoldt (Autor und freier Gartenjournalist)
Literatur:
· Böhme, Gernot: Für eine ökologische Naturästhetik.
Suhrkamp 1989.
· Der musikalische Weinberg, Der Spiegel 47/2005.
· Die Pflanzenflüsterer, Der Spiegel 26/2006.
· Goethe, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit,
Zweiter Teil, 6. Buch.
· Hawken, Paul: Der Zauber von Findhorn. Hugendubel 1980.
· Hirschfeld, Christian Cay Lorenz: Theorie der
Gartenkunst (1779 – 1785). New York 1973.
· Hoffmann, Manfred: Kommunikation zwischen Mensch und
Pflanze: Fakt oder Scharlatanerie? Vortragsmanuskript
2003. |