Illertisser Gartenlust 2007 - Kolumnen
 
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03. Christian Seiffert | vorherige | nächste |
 

Palmströms Uhr

Palmströms Uhr ist andrer Art, 
reagiert mimosisch zart.

Wer sie bittet, wird empfangen. 
Oft schon ist sie so gegangen, 

wie man herzlich sie gebeten, 
ist zurück- und vorgetreten, 
 
eine Stunde, zwei, drei Stunden, 
jenachdem sie mitempfunden. 

Selbst als Uhr, mit ihren Zeiten, 
will sie nicht Prinzipien reiten: 

Zwar ein Werk, wie allerwärts, 
doch zugleich ein Werk - mit Herz. 





Droht ein neues Verhältnis zum Garten?

Ein Verhältnis stellt eine Beziehung dar. Heute spricht man verräterischer Weise von einer Beziehungskiste. Diese Kiste hat bekanntlich den Vor- und Nachteil, sich schnell in ihre Bestandteile aufzulösen, was auch oft genug geschieht. 
Eine Ehe ist auch ein Verhältnis, aber um sie auseinander zu nehmen, bedarf es schon eines Juristen und bekanntlich ist eine Scheidung auch sonst ein nicht gerade angenehmer Vorgang.
Das Verhältnis zu einem Garten entspricht eher einer Ehe, als einer Beziehungskiste. Sich von einem Garten zu trennen, das erfordert ebenfalls eines Juristen, mindestens eines Notars. 
Nun kann sich allerdings das Verhältnis zum Garten verändern, ohne daß man sich gleich von ihm trennen muß. Doch läuft das meistens darauf hinaus, dass der Garten durch massive Eingriffe total verändert wird. Er ist nicht mehr wieder zu erkennen. Der Besitzer oder Gärtner, die Besitzerin oder Gärtnerin dagegen geht daraus ziemlich unbeschadet davon. Das sind die kleinen Unterschiede zwischen einem Gartenverhältnis und einer Beziehungskiste. 

Die Vielfalt der Verhältnisse
Zwar gibt es ein Verhältnis der Gesellschaft zum Garten, Zeitströmungen. Hohe Zeiten für den Garten, oder seine Mißachtung etwa in Zeiten technische Aufbruches und wirtschaftlichen Machtgehabes, in denen sogar die Beschäftigung mit schöngeistigen Dingen anrüchig sein kann. 
Dieses Auf und Ab spielte sich aber mehr im allgemeinen Gesellschaftlichen ab, war mehr Bewußtsein, als Realität. Real war dagegen seine höchste Wertschätzung bei den Bürgern, Bauern und Arbeitern, vor allem als Lieferant für Nahrung, Medizin und Blumenschmuck. Oder, wenn der Garten als Retter der Natur, als Hort für gefährdetes Leben betrachtet wird, ein Verhältnis, das in den letzten 20 Jahren besonders hervorstach. 

Im Grunde genommen setzt sich das gesellschaftliche Verhältnis zum Garten aber aus hunderttausenden ganz individueller Verhältnisse zusammen. Die Familie des Kumpels von der Ruhr und ihr Schrebergarten haben zum Beispiel miteinander ein ganz anderes Verhältnis als etwa ein Manager zu seinem gestylten Prestigegarten, den er für Empfänge braucht. Kurz, die Menschen haben nicht ein Verhältnis zum Garten, sondern ihr Verhältnis. Wir können den Garten des Häuslebauers in der Siedlung und den Villengarten in Wannsee oder Grünwald, den Garten der leidenschaftlichen Pflanzensammlerin in Frankfurt und den der Bäuerin im Markgräfler Land nicht über einen Kamm scheren. Das einzig Gemeinsame: Es sind mehr oder weniger große Grundstücke, in denen Pflanzen wachsen. 

Das Tempo nimmt zu, und doch mehr Zeit?
Rein von der physikalischen Zeit her betrachtet, wird dieses Jahrtausend genauso lange dauern, wie das vergangene. Aber aus der Relativitätslehre soll ja hervorgehen, dass Zeit schrumpfen, sich aber auch ausdehnen kann. Einstein ist Palmström. Palmström ist Einstein: Palmströms Uhr ist andrer Art, reagiert mimosisch zart ....
Wenn wir das vergangene Jahrtausend rückblickend betrachten, dann erscheint uns die erste Hälfte sehr lang, sehr gemächlich. Was auch damit zusammenhängen mag, dass uns weniger historische Details zur Verfügung stehen. Das verbessert sich mit dem Ende des 15. Jahrhunderts, als die Informationsfülle mit der Renaissance, mit dem Buchdruck, mit den großen Entdeckungsreisen zu See aber auch ins Innere des Menschen zunimmt. Die Zeit beschleunigt sich, wird schneller immer schneller, wird rasend bis zu einem maßlosen Tempo in der Gegenwart.
Das hat Konsequenzen und es stellen sich Fragen. Kann die Geschwindigkeit weiter zunehmen, ohne dass die Menschen daran körperlich und seelisch scheitern? Oder folgen innerhalb der kommenden Jahrhunderte Zeiten, in denen die Menschen nur noch die Rechner für sich arbeiten lassen, sich selbst aber aus dem Geschäft zurückziehen und nun Zeit haben, sich den schönen Dingen hingeben, der Muße, den Künsten? Zugegeben, eine sehr optimistische Vision. Dass solch eine Entwicklung eine große Gartenzeit entstehen lassen könnte, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber können wir schon so bald damit rechnen?

Äußere Zwänge des 20. Jahrhunderts
Zunächst gibt es Probleme und Hindernisse in Hülle und Fülle. Und die fangen nicht erst in diesem Jahrtausend an. Kluge Leute haben es längst gewusst, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit ist es erst in den 60er Jahren gedrungen. Die Erkenntnis: Die Erde ist nicht unerschöpflich. Sie ist ein abgeschlossenes System, in dem es zu haushalten gilt. Mit Schrecken wurden die Menschen gewahr, was sie alles zerstören. Nicht nur die Luft, die Meere und Großwälder, mit denen die Erde atmet. Sie müssen auch die schreckliche Wahrheit begreifen, dass ihr Tun Tier- und Pflanzenarten vernichtet hat und noch immer täglich vernichtet. Sie müssen begreifen, dass ihr Tun sogar das Klima unserer Erde verändert. Diese Erkenntnisse haben ganz selbstverständlich einen enormen Einfluss auf das Verhältnis der Menschen zu ihren Gärten. Waren die Gärten nach dem Krieg Produktionsstätten für Obst und Gemüse, galten nach dem Wirtschaftwunder Rasen, Terrasse und Swimmingpool als schick, so sollte der Garten seit den 70er Jahren zum Arche Noah werden, zum Hort bedrohter Pflanzen und Tiere. Die heimische Flora sollte Zuflucht finden, während man das Fremdländische, Exotische, bald aber auch Koniferen und Cotoneaster geradezu mit Hass verfolgte.
Dann wurde versucht, die heile alte Welt wieder herzustellen, indem man den Bauerngarten zu neuem Leben erweckte, zumindest was man sich als Bauerngarten vorstellte. Und noch eine Reaktion gab es: Man wollte sicher sein, kein kunstgedüngtes und pestizidbehaftetes Gemüse und Obst auf den Tisch zu bringen. Der Eigenanbau breitet sich wieder aus. Der Garten wird zum Naturkostladen. Organische Düngemittel, natürliche Pflanzenschutzmittel boomen. Der Marienkäfer und die Blumenwiese werden zum Symbol eines besonderen Verhältnisses zum Garten.

Die äußeren Zwänge des 21. Jahrhunderts
Bei allem Ernst, mit dem viele Menschen ihren Garten diesen neuen Aufgaben zuführten, ich vermute, vieles war mehr oder weniger Spielerei, vielfach Alibi-Handeln, um sich ein gutes Gewissen zu verschaffen. Zuviel davon war nur Mode, war eben auch schick, wie vorher der Swimmingpool. 
Am 12. Oktober 1999 geschah aber etwas Gravierendes: Anam begrüßte den 6 milliardsten menschlichen Erdenbürger. Und man weiß, dass noch in diesem Jahrhundert mit einer Verdoppelung der Menschenzahl zu rechnen ist. Das allerdings dürfte nun Auswirkungen haben, denen nicht mehr mit modischem Schnickschnack beizukommen ist.
Es mag vielleicht auch heute noch Leute geben, die glauben, die Bevölkerungsexplosion spiele sich im fernen China, in Indien, Afrika und Südamerika ab, auf uns habe sie wenig Einfluss. Aber ist das Klima der Erde teilbar? Gibt es eine Luft in den Entwicklungsländern und eine der Industrieländer? Und werden die in Not geratenen Menschen aus Afrika etwa bei uns nicht anklopfen und wenn ihnen keiner die Tür öffnet, die Tür vielleicht eintreten? Kurz, unsere Enkel und Urenkel werden mit Problemen zu tun haben, bei denen es sich um Raumnot, um Klimaveränderungen, Trinkwassermangel, um Energie- und Nahrungsversorgung dreht. Dass dies alles ohne Einfluss auf das Gartenverständnis bleiben könnte, das ist unvorstellbar.

Konsequenzen für den Garten?
Falls es Europa gelingt, trotz all dieser Probleme einen relativen Wohlstand zu erhalten, so wird der Raum trotzdem enger werden. Die Grundstücke teuer und kleiner. Wahrscheinlich nimmt die Mobilität ab. Es fragt sich, ob es noch sinnvoll und machbar ist, draußen auf dem Lande zu wohnen und in der Stadt zu arbeiten. Die momentanen Benzinpreise geben uns einen Vorgeschmack. Umgekehrt ist natürlich auch denkbar, dass die Menschen gar nicht mehr zur Arbeit fahren müssen, dass sie die Arbeit am Computer zu Haus erledigen. Doch trifft dies nicht nur für wenige zu? Und eine andere Frage: Wird sich die Tendenz zur Selbstversorgung verstärken? Wird die Bedeutung des Kleingartenwesens nicht sogar zunehmen, oder werden die Gärten noch mehr und nun ernsthaft zum Hort für die Natur?
Wird das Einfamlienhaus im rechteckigen Grundstück draußen auf dem Lande noch eine Zukunft haben? Die Zersiedelung der Landschaft durch letztlich frustrierende Häuser und Gärten, nur selten geliebt, kann nicht auf Dauer fortgesetzt werden. Auch wenn im Moment wieder mächtig gebaut wird, schätze ich, ist die Raumverschwendung zu groß, der Bau zu teuer, der Energieverbrauch zu hoch und der ästhetische Gewinn gleich Null. Also das Aus für Gärten? Sicher nicht. Nur müssen neue Formen des Bauens gefunden werden. Man muss enger zusammenrücken. 

Neue Gärten und neue Architektur
Architekten müssen Gebäudeformen erfinden, bei denen die Menschen raumsparend und trotzdem individuell leben können, ohne sich gegenseitig zu belästigen. Beispiel sind Rundlingssiedlungen oder Terrassensiedlungen. Nicht immer kann der kleine Garten dann auf gewachsenem Boden plaziert sein. Er wird unter Umständen auf dem Nachbardach Platz finden, überhaupt wird es selbstverständlich sein, die Dächer in den Städten gartenbaulich zu nutzen, wenn sie nicht zum Einfangen von Sonnenenergie gebraucht werden. In den kleinen städtischen Gärten wird man Gehölze und Stauden bevorzugen, die mehr in die Höhe, als in die Breite wachsen. Das Spalier wird eine größere Bedeutung erlangen. Viele Gesichter wird der Stadtgarten haben. Neben dem großen Balkongarten, dem Penthausgarten, dem Wintergarten werden hoffentlich viele neue Ideen von Hochbau- und Landschaftsarchitekten gemeinsam entwickelt. 

Glaspaläste in den Städten
Große Unterglasgärten in öffentlichen Gebäuden. Sind sie ein Symbol für den Rückzug der Menschen aus der Gefahrenzone der kosmischen Strahlung und der menschengemachten Klimaveränderungen? 
Man kann sie heute in Berlin, München, Frankfurt und Hamburg allenthalben finden. Wird solchen Gärten eine Zukunft beschert sein? In den Großstädten werden Glasgärten gern besucht, zumal sie meist ein Restausant oder Café haben und weil es ein erregendes Lebensgefühl ist, unter tropischen oder subtropischen Gehölzen zu lustwandeln, während draußen die Bäume kahl sind und Schnee liegt. Die Motive für Architekten und Auftraggeber sind sehr unterschiedlich. Hier soll der Straßenlärm ferngehalten werden, dort möchte man für die Mitarbeiter eine Pausenzone zur Entspannung schaffen, auch verspricht man sich durch die Pflanzen eine Verbesserung des Raumklimas der umliegenden Büros und Läden. Schließlich haben sicher einige Glasgärten die Aufgabe, Kundschaft zu animieren, durch ihre Exotik, durch Südseeromantik, vielleicht noch unterstützt durch das Geschrei tropischer Vögel. Solche Unterglasanlagen, fast virtuelle Gärten, bedürfen einer sehr ausgefeilten automatischen Klimatechnik. Stimmt es mit dem Klima nicht, gibt es einen unendlichen und vergeblichen Kampf mit Schild- und Wollläusen, mit Spinnmilben und Pilzkrankheiten.

Im privaten Bereich wird der Wintergarten sicher an Bedeutung zunehmen, wobei sich Funktion und Nutzung ändern dürften. Ein Problem stellt nach wie vor der warme Wintergarten dar, der im Winter bewohnte, im Sommer oft viel zu heiße Wohnraum unter Glas. Pflanzen wie Menschen fühlen sich nur wohl, wenn die Häuser perfekt klimagesteuert sind, wie die geschilderten Großanlagen. Man wird dahinter kommen, daß ein frostfreies Kalthaus oder ein temperiertes Haus weit mehr Pflanzenvielfalt und mehr Lebensfreude bieten können, als stubenwarme Wintergärten. Wichtig auch hier die Architektur. Integrierte Glasgärten sollten bei modernen Stadthäusern so selbstverständlich sein wie Dachgärten. 

Wachstum fördern / Wachstum unterbinden
Ganz bestimmt wird ein Widerspruch auch in Zukunft nicht aufgehoben, ein Widerspruch, der schon existierte, als der Mensch eines Tages auf die Idee kam, ein Stückchen Erde aufzulockern, von Pflanzenwuchs zu befreien, um eine Blume oder ein Kraut ohne Konkurrenzdruck wachsen zu lassen. 
Die erste große Überraschung war das ungewohnte Wachstum dieser Ur-Kulturpflanze. Die zweite Überraschung: in den offenen Boden drangen sofort wieder Pflanzen ein und bedrängten das Wunschkraut. So wurde mit der ersten Kulturpflanze auch das Unkraut geboren und der prinzipielle Widerstreit zwischen gewolltem Wachstum und ungewolltem. 
Der Gärtner will das Wachstum und er bekämpft das Wachstum. Er düngt seine Kulturpflanzen, versorgt sie mit Wasser. Und genau diese Fürsorge kommt den Unkräutern, den ungewollten Pflanzen genauso zugute wie den gewollten. Aber auch bei seinen Kulturpflanzen bekämpft oder drosselt er das Wachstum: Rasenschnitt, Obst- und Ziergehölzschnitt, die Behandlung von Zierpflanzen mit Wuchshemmern. die Schnitthecke, alles ein Dauerkampf gegen das Wachstum. Ob sich an diesem Dauerfrust etwas ändern wird? Wohl kaum.

Der High-Tech-Garten
Und doch ist es zumindest vorstellbar. So ist durchaus der High-Tech-Garten denkbar. 
Wie sähe der wohl aus? Der Rasen muß nicht mehr geschnitten werden. Die Hecke behält, wenn sie eine bestimmte Größe erreicht hat, ihre Form. Auch die anderen Gehölze bleiben niedlich und gestylt. Der Boden, standardisiert, am besten Steinwolle. Die automatische computergestützte Beregnungsanlage bringt gleichzeitig Dünger und Pestizide aus. Blumenbeete kann man als Kurzzeit-Teppich kaufen. Die Pflanzen sind in einem Vlies vorgezogen, das nur noch ausgerollt und angegossen zu werden braucht. Ist der Frühsommerteppich verblüht, wird er durch den Hochsommerteppich ersetzt und entsorgt. Solch einen vorproduzierten Teppich gibt es für jede Jahreszeit. Und die Blumenzwiebeln? Einmalware. Nach dem Verblühen werden auch sie entsorgt. Das ist nicht der von vielen Leuten immer wieder erhoffte pflegeleichter Garten, das geht weit darüber hinaus. Der High-Tech-Garten ist ein Garten, den man ein- und ausschalten kann. Man muß nur noch im Keller oder im Wohnzimmer hinter der Gardine einen Hebel bedienen.

Utopie, oder schon Wirklichkeit?
Ein Jule Verne-Garten? Jule Verne hat in seinen Romanen nichts erfunden, hat nur die Erfindungen seiner Zeit weitergesponnen. Auch die technischen und biologischen Voraussetzungen für den High-Tech-Garten sind alle vorhanden. Die gentechnisch veränderte, gleichmäßig und gedrungen wachsende Nordmannstanne für Weihnachten gibt es bereits. Zum gentechnisch kurzbleibenden Rollrasen ist es nur noch ein winziger Schritt. Gegen Pestizide resistente Kulturpflanzen sind längst nichts Neues mehr. Der Siegeszug rechnergesteuerter Verfahren ist nicht mehr aufzuhalten. Die Automatisierung der Pflanzenproduktion muss nicht mehr erfunden werden. Und Blumenrollbeete, dies Wort auszusprechen reicht vermutlich bereits, um ein paar Firmen hellhörig zu machen. Vielleicht arbeitet auch schon mancher daran, unterstützt durch Agrar- und Gartenbauwissenschaft. 
Nun sind Sie natürlich der Meinung, solche Gärten brauchen wir nicht, und es gäbe zum Glück dafür auch gar keine Kunden.
Wir werden solche Gärten bekommen. Und bestimmte Leute werden großen Wert darauf legen. Ihr Garten soll schick aussehen, propper, darf keine Arbeit machen und muss jedes Jahr etwas Neues bieten. Kosten darf es eine ganze Menge, schließlich ist man ja wer und will auch was zeigen! Zu verreisen ist dann kein Gartenproblem mehr, da zu Haus alles automatisch abläuft oder durch Telefonkontakt mit dem Rechner initiiert werden kann. 
Dass dies alles nichts mehr mit Garten, ja mit Leben zu tun hat, ist durchaus richtig. Aber wird diese Entwicklung deshalb zu verhindern sein? Die Pflanze wird zur Schmuck- und Farbgebungs-Ware. Was da - besonders bei Einjährigen - gezüchtet wurde, spottet teilweise jeder Beschreibung. Es läuft auf den Kohlkopf hinaus, egal ob Nelke, Tagetes, Calendula, selbst Eschscholzien und Kornblumen. Wenn dann noch der Stiel verkürzt, die Gestalt gedrückt wird, haben wir Standardware, die sich für das bunte Blumenbeet genauso eignet wie für den Blumentopf. Es handelt sich um Wegwerfware im doppelten Sinne des Wortes! Die Zukunft wird von solchen Angeboten regen Gebrauch machen. Wachstum und Vermehrung finden in der Pflanzenfabrik statt. Dort hängt man sich noch ein grünes Mäntelchen um, obwohl man mit richtigen Plastikhecken und mit Kunststoffrasen, mit echten Plastikbuntteppichen liebäugelt, da diese produktionstechnisch doch noch etwas einfacher und billiger herzustellen wären. 
Wohlgemerkt, es wird nicht ein Verhältnis zum Garten geben, sondern es wird sehr viele Verhältnisse geben. Und der High-Tech-Garten wird gewiß einige Menschen hochgradig befriedigen, während andere völlig entgegengesetzte Wünsche haben und sich erfüllen werden.

Der Garten als Kontrast 
Wir leben in einem technischen Zeitalter. Und es wird noch technischer werden. Die Menschen werden in hohem Tempo mitfliegen, manche werden sich angewidert abwenden. Die Mitflieger können das Tempo, wie eingangs geschildert, aber nicht unbeschadet durchhalten. Um Menschen bleiben zu können, brauchen sie Phasen der Ruhe, der Andacht, der Meditation. Nahrung für die Seele. Der Garten, in dem man Stille findet, wird gefragt sein. Der Garten, der einen zu erschüttern vermag, wie der Anblick eines gotischen Kirchenschiffes, weil er stark ist in seinen Bildern, stark wie eine große Musik, oder ein einfaches Lied. Vielleicht ist er sehr sparsam in seinen Mitteln, eher japanisch als europäisch. Er kann ja nicht groß sein. Und so konzentriert sich mancher Garten auf nur ein Motiv, dies aber vollendet gestaltet. 
Oder wird man in Ermangelung eines eigenen Gartens einen öffentlichen Garten besuchen, um zu Ruhe und Entspannung zukommen? Wird der öffentliche Garten in der Gesellschaft einen höheren Stellenwert erhalten? Vorstellbar ist es zurzeit nicht, aber denkbar! 

Der Garten als Lebensinhalt
Um eine Art Garten braucht man sich gewiß keine Sorgen zu machen, um die Gärten der Leidenschaftlichen, der Besessenen, der Pflanzensammler, der Spezialisten.
Ich glaube, die werden sogar zunehmen. Unter anderem, weil die Zahl alter Menschen überproportional anwächst. Sich mit Pflanzen eingehend befassen, mit ihnen engen Kontakt aufnehmen, mit ihnen sprechen, ja selbst fast zu einem pflanzlichen Wesen werden, das wird in aller Konsequenz erst möglich, wenn die aktive Berufszeit vorüber und die Kinder aufgezogen sind.
Und warum sollen Altenheime nicht in Zukunft öffentlich zugängliche Gärten haben, die von den Alten gestaltet, gepflegt und versorgt werden? Der Heim-Aufenthalt ist doch nur deshalb oft so trostlos und gefüchtet, weil die Menschen dort keine Chance mehr erhalten, aktiv zu wirken, mitzugestalten. 

Mehr Wissen schafft ein neues Verhältnis
Das Verhältnis der leidenschaftlichen Gärtner, um mit Rudolf Borchardt all die Besessenen zusammenzufassen, dieses Verhältnis zu ihren Gärten ist so beispielhaft, daß man nur wünschen kann, es mögen immer mehr werden. Dieses Verhältnis zeichnet sich durch sehr viel Liebe, ein großes Einfühlungsvermögen und durch einen enormen Kenntnisreichtum bei den Gartenliebhabern aus. Das ist mehr, weit mehr, als die meisten Berufsgärtner aufbringen können und weit mehr als das Gros all jener Leute, die heute einen Garten besitzen. Kein Buch, keine Zeitschrift, keine Pflanzenkostbarkeit ist ihnen zu teuer. Auf der anderen Seite sind sie schlechte Kunden im Gartencenter. Sie wissen zu viel. Sie lassen sich nicht für jede Pflanzengattung einen Spezialdünger andrehen, sie kommen ohne Kompoststarter aus und all die vielen Mittelchen, deren Unentbehrlichkeit man uns weismachen will. Sie wissen, dass die Gartengeräte in den letzten 100 Jahren die gleichen geblieben sind, man mit sehr wenigen auskommt und Neuem auf diesem Gebiet mit Skepsis zu begegnen ist. In der ersten Ausgabe seines „Gartenbuch für Anfänger“ 1895, stellt Johann Böttner genau die gleichen Gartengeräte vor, die auch heute noch gebraucht werden. Doch verschließen sich diese Amateure nicht wirklich guten Neuerungen. Reisen sind für sie Garten- und Naturerlebnisse. Sie werden immer etwas mitbringen, teils käuflich erworben, teils Geschenktes, aber auch Samen oder Pflanzenteile aus der Natur. Und die Pflanzen wachsen bei ihnen an und gedeihen.

Kann man Gartenlust unters Volk bringen?
Kann man diesen Gartenvirus ausbreiten? Könnte es gelingen, andere Menschen anzustecken, mit Leidenschaft zu beseelen? Ich fürchte, das hält sich in sehr engen Grenzen. Natürlich gibt es einige Zeitschriften für die „Leidenschaftlichen“ und für Fachleute. Die einschlägigen Zeitschriften mit Massenauflage aber haben deshalb eine so hohe Auflage, weil sich die Leser meist in ihren Urteilen und Vorurteilen bestätigt fühlen. Doch diese Blätter sind nur selten vom Virus befallen. Rundfunk und Fernsehen sind gleichermaßen außerstande, eine neue Generation besessener Gartenliebhaber heranzubilden. Die Zuhörergemeinde kann noch so groß sein, was wirklich gefragt ist, das sind Rezepte, Rezepte wie man, was wann düngt, aussät, pikiert, wohin pflanzt, vor allem aber Rezepte, wie man mit Wühlmäusen, Schnecken und Maulwurfsgrillen fertig wird, was man gegen Moos und Hexenringe im Rasen machen kann und wie man bei Rosen den Sternrußtau bekämpft.
Es geht also mehr um die Verhinderung biologischer Vorgänge, als um Wachstum. Der Frust frisst die Lust am Garten. 
Wie oft werde ich am Gartenzaun angesprochen. Einerseits bewundert man unseren Garten, der durchaus nichts Außergewöhnliches darstellt, andererseits bedauert man meine Frau und mich zutiefst, weil wir uns diese Arbeit Jahr für Jahr aufhalsen. 
Wenn wir dann sagen, dies sei unsere Entspannung, unsere Wochenendfreude, dann ernten wir ein mildes Lächeln. Da liegen tiefe Gräben zwischen den Gärten der Leidenschaftlichen und jenen der Zwangsgarten-Verpflichteten. Der Funke springt nicht einfach über! Selbst jene privaten Gärten im Umfeld des Staudensichtungsgartens in Weihenstephan geben nicht zu erkennen, dass sie auch nur irgendwie angesteckt worden wären. Wie aber soll es gehen? Ich weiß keinen Weg. 

Ist der Schulgarten ein geeignetes Mittel?
Außer man holt eine alte Geschichte wieder aus der Schublade: den Schulgarten. Wo die Schulgärten wirklich funktionieren (es gibt ja einige phantastische Gärten), da helfen sie nicht nur, in den Kinder Liebe zum Garten, Liebe zur Pflanze zu wecken. Es werden auch Grundlagen gelegt: Was ist Boden, wie unterscheiden sich Böden, wie kann man sie verbessern. Die Kinder erfahren den Einfluss von Wetter und Witterung. Lernen die Bedeutung des Klimas kennen, lernen, wie man sät, pikiert und auspflanzt, wie sich die Pflanzen entwickeln. Und oft sind auch die Eltern mit von der Partie, werden hineingezogen, ange-steckt.
An den normalen Schulen scheitert das Vorhaben Schulgarten. Einige ambitionierte Lehrer legen Gärten an, aber das geht zeitlich und finanziell zu ihren Lasten. Gartenarbeit ist keine Regelstunde. An Waldorfschulen gibt es eine Lehrkraft, die nur für den Schulgarten und den Gartenunterricht zuständig ist. Das ist eine ganz andere Voraussetzung. Warum sollte dieses System nicht übertragbar sein?
Aus finanziellen Gründen, wird man sagen. Man kann es sich nicht leisten, mehr Lehrer als unbedingt nötig zu beschäftigen. Aber hat der lebendige Biologieunterricht, bei dem die Kinder den Boden, die Pflanzen und die Tiere anfassen, begreifen können, nicht die gleiche Bedeutung für die Zukunft wie die Kommunikationstechnik und der Umgang mit Rechner und Bildschirm? Sämtliche Schulen in Bayern sollen jetzt damit ausgerüstet werden. Ich leugne nicht die Wichtigkeit dieser Techniken. Aber wenn Biologie nur noch ein theoretisches Fach ist, dann sehe ich für die Zukunft schwarz.
Natürlich geht es mir auch darum, Gartenfreunde heranzubilden. Das war ja der Ausgangspunkt. Aber laufen wir nicht Gefahr, bald eine neue Generation in den Städten aufwachsen zu sehen, die nur noch virtuelle Gärten kennt, die sich nicht darüber im Klaren ist, wie die Nahrungsmittel entstehen? Die Blumen nur als floristisches Gebinde in Folie mit Duftspray kennen?
Ein neues Gartenverhältnis im 21. Jahrtausend kann nur entstehen, wenn der Umgang mit den Pflanzen den gleichen hohen Stellenwert erhält wie die Computertechnik und das Internet. Das mögen einige Leute hinterwäldlerisch finden. Aber auch im 21. Jahrhundert ist das tierische und menschliche Leben auf Erden einzig und allein vom pflanzlichen Leben abhängig, vielleicht sollte man dies hin und wieder sagen.

Ein neues Verhältnis zum Garten?
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre dies eine stärkere Individualisierung der Gärten. Es ist traurig, immer wieder die gleichen Motive mit immer wieder den gleichen Gehölzen und Stauden zu sehen. Als ob es nicht reicht, wenn der Nachbar einen weithin leuchtenden Forsythienstrauch hat, nein, solch ein Ding steht in fast jedem Garten. Und dazu eine rosa Zierkirsche. Müssen in jedem Garten Rosenbeete eine Pflicht sein? Ist der Rasen wirklich unentbehrlich? Kann man nicht die Forderung kippen, in einem Garten müsse es bunt zugehen? Alles Geschmacksfragen und damit eine Sache, die man gefälligst jedem selbst überlassen sollte? Wohl eher eine Frage der Gartenbildung, des Gartenwissens.
Wenn man manche Gärten in unserem Land anschaut und sieht, wie wenig die Leute damit anzufangen wissen, oder einfach die Kataloge der großen Versandthäuser aufpflanzen, dann ertappt man sich dabei, Lebensmittelmangel herbeizuwünschen, nur damit diese nutzlosen Flächen wenigstens mit Kartoffeln und Gemüse bestellt werden. 
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, so wäre es Vielfalt, jeder Garten das Spiegelbild eines ganz persönlichen Verhältnisses. Weg von den Moden, weg von der platten Übernahme immer gleicher Motive. Aber diese Wünsche sind weit weg von jeder Realität.

Christian Seiffert, Rundfunk- und Fernsehjournalist