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Palmströms Uhr
Palmströms Uhr ist andrer Art,
reagiert mimosisch zart.
Wer sie bittet, wird empfangen.
Oft schon ist sie so gegangen,
wie man herzlich sie gebeten,
ist zurück- und vorgetreten,
eine Stunde, zwei, drei Stunden,
jenachdem sie mitempfunden.
Selbst als Uhr, mit ihren Zeiten,
will sie nicht Prinzipien reiten:
Zwar ein Werk, wie allerwärts,
doch zugleich ein Werk - mit Herz.
Droht ein neues Verhältnis
zum Garten?
Ein Verhältnis stellt eine Beziehung dar. Heute spricht
man verräterischer Weise von einer Beziehungskiste. Diese
Kiste hat bekanntlich den Vor- und Nachteil, sich schnell
in ihre Bestandteile aufzulösen, was auch oft genug
geschieht.
Eine Ehe ist auch ein Verhältnis, aber um sie auseinander
zu nehmen, bedarf es schon eines Juristen und bekanntlich
ist eine Scheidung auch sonst ein nicht gerade angenehmer
Vorgang.
Das Verhältnis zu einem Garten entspricht eher einer Ehe,
als einer Beziehungskiste. Sich von einem Garten zu
trennen, das erfordert ebenfalls eines Juristen,
mindestens eines Notars.
Nun kann sich allerdings das Verhältnis zum Garten verändern,
ohne daß man sich gleich von ihm trennen muß. Doch läuft
das meistens darauf hinaus, dass der Garten durch massive
Eingriffe total verändert wird. Er ist nicht mehr wieder
zu erkennen. Der Besitzer oder Gärtner, die Besitzerin
oder Gärtnerin dagegen geht daraus ziemlich unbeschadet
davon. Das sind die kleinen Unterschiede zwischen einem
Gartenverhältnis und einer Beziehungskiste.
Die Vielfalt der Verhältnisse
Zwar gibt es ein Verhältnis der Gesellschaft zum Garten,
Zeitströmungen. Hohe Zeiten für den Garten, oder seine
Mißachtung etwa in Zeiten technische Aufbruches und
wirtschaftlichen Machtgehabes, in denen sogar die Beschäftigung
mit schöngeistigen Dingen anrüchig sein kann.
Dieses Auf und Ab spielte sich aber mehr im allgemeinen
Gesellschaftlichen ab, war mehr Bewußtsein, als Realität.
Real war dagegen seine höchste Wertschätzung bei den Bürgern,
Bauern und Arbeitern, vor allem als Lieferant für
Nahrung, Medizin und Blumenschmuck. Oder, wenn der Garten
als Retter der Natur, als Hort für gefährdetes Leben
betrachtet wird, ein Verhältnis, das in den letzten 20
Jahren besonders hervorstach.
Im Grunde genommen setzt sich das gesellschaftliche Verhältnis
zum Garten aber aus hunderttausenden ganz individueller
Verhältnisse zusammen. Die Familie des Kumpels von der
Ruhr und ihr Schrebergarten haben zum Beispiel miteinander
ein ganz anderes Verhältnis als etwa ein Manager zu
seinem gestylten Prestigegarten, den er für Empfänge
braucht. Kurz, die Menschen haben nicht ein Verhältnis
zum Garten, sondern ihr Verhältnis. Wir können den
Garten des Häuslebauers in der Siedlung und den
Villengarten in Wannsee oder Grünwald, den Garten der
leidenschaftlichen Pflanzensammlerin in Frankfurt und den
der Bäuerin im Markgräfler Land nicht über einen Kamm
scheren. Das einzig Gemeinsame: Es sind mehr oder weniger
große Grundstücke, in denen Pflanzen wachsen.
Das Tempo nimmt zu, und doch mehr Zeit?
Rein von der physikalischen Zeit her betrachtet, wird
dieses Jahrtausend genauso lange dauern, wie das
vergangene. Aber aus der Relativitätslehre soll ja
hervorgehen, dass Zeit schrumpfen, sich aber auch
ausdehnen kann. Einstein ist Palmström. Palmström ist
Einstein: Palmströms Uhr ist andrer Art, reagiert
mimosisch zart ....
Wenn wir das vergangene Jahrtausend rückblickend
betrachten, dann erscheint uns die erste Hälfte sehr
lang, sehr gemächlich. Was auch damit zusammenhängen
mag, dass uns weniger historische Details zur Verfügung
stehen. Das verbessert sich mit dem Ende des 15.
Jahrhunderts, als die Informationsfülle mit der
Renaissance, mit dem Buchdruck, mit den großen
Entdeckungsreisen zu See aber auch ins Innere des Menschen
zunimmt. Die Zeit beschleunigt sich, wird schneller immer
schneller, wird rasend bis zu einem maßlosen Tempo in der
Gegenwart.
Das hat Konsequenzen und es stellen sich Fragen. Kann die
Geschwindigkeit weiter zunehmen, ohne dass die Menschen
daran körperlich und seelisch scheitern? Oder folgen
innerhalb der kommenden Jahrhunderte Zeiten, in denen die
Menschen nur noch die Rechner für sich arbeiten lassen,
sich selbst aber aus dem Geschäft zurückziehen und nun
Zeit haben, sich den schönen Dingen hingeben, der Muße,
den Künsten? Zugegeben, eine sehr optimistische Vision.
Dass solch eine Entwicklung eine große Gartenzeit
entstehen lassen könnte, ist nicht von der Hand zu
weisen. Aber können wir schon so bald damit rechnen?
Äußere Zwänge des 20. Jahrhunderts
Zunächst gibt es Probleme und Hindernisse in Hülle und Fülle.
Und die fangen nicht erst in diesem Jahrtausend an. Kluge
Leute haben es längst gewusst, ins Bewusstsein der Öffentlichkeit
ist es erst in den 60er Jahren gedrungen. Die Erkenntnis:
Die Erde ist nicht unerschöpflich. Sie ist ein
abgeschlossenes System, in dem es zu haushalten gilt. Mit
Schrecken wurden die Menschen gewahr, was sie alles zerstören.
Nicht nur die Luft, die Meere und Großwälder, mit denen
die Erde atmet. Sie müssen auch die schreckliche Wahrheit
begreifen, dass ihr Tun Tier- und Pflanzenarten vernichtet
hat und noch immer täglich vernichtet. Sie müssen
begreifen, dass ihr Tun sogar das Klima unserer Erde verändert.
Diese Erkenntnisse haben ganz selbstverständlich einen
enormen Einfluss auf das Verhältnis der Menschen zu ihren
Gärten. Waren die Gärten nach dem Krieg Produktionsstätten
für Obst und Gemüse, galten nach dem Wirtschaftwunder
Rasen, Terrasse und Swimmingpool als schick, so sollte der
Garten seit den 70er Jahren zum Arche Noah werden, zum
Hort bedrohter Pflanzen und Tiere. Die heimische Flora
sollte Zuflucht finden, während man das Fremdländische,
Exotische, bald aber auch Koniferen und Cotoneaster
geradezu mit Hass verfolgte.
Dann wurde versucht, die heile alte Welt wieder
herzustellen, indem man den Bauerngarten zu neuem Leben
erweckte, zumindest was man sich als Bauerngarten
vorstellte. Und noch eine Reaktion gab es: Man wollte
sicher sein, kein kunstgedüngtes und pestizidbehaftetes
Gemüse und Obst auf den Tisch zu bringen. Der Eigenanbau
breitet sich wieder aus. Der Garten wird zum
Naturkostladen. Organische Düngemittel, natürliche
Pflanzenschutzmittel boomen. Der Marienkäfer und die
Blumenwiese werden zum Symbol eines besonderen Verhältnisses
zum Garten.
Die äußeren Zwänge des 21. Jahrhunderts
Bei allem Ernst, mit dem viele Menschen ihren Garten
diesen neuen Aufgaben zuführten, ich vermute, vieles war
mehr oder weniger Spielerei, vielfach Alibi-Handeln, um
sich ein gutes Gewissen zu verschaffen. Zuviel davon war
nur Mode, war eben auch schick, wie vorher der
Swimmingpool.
Am 12. Oktober 1999 geschah aber etwas Gravierendes: Anam
begrüßte den 6 milliardsten menschlichen Erdenbürger.
Und man weiß, dass noch in diesem Jahrhundert mit einer
Verdoppelung der Menschenzahl zu rechnen ist. Das
allerdings dürfte nun Auswirkungen haben, denen nicht
mehr mit modischem Schnickschnack beizukommen ist.
Es mag vielleicht auch heute noch Leute geben, die
glauben, die Bevölkerungsexplosion spiele sich im fernen
China, in Indien, Afrika und Südamerika ab, auf uns habe
sie wenig Einfluss. Aber ist das Klima der Erde teilbar?
Gibt es eine Luft in den Entwicklungsländern und eine der
Industrieländer? Und werden die in Not geratenen Menschen
aus Afrika etwa bei uns nicht anklopfen und wenn ihnen
keiner die Tür öffnet, die Tür vielleicht eintreten?
Kurz, unsere Enkel und Urenkel werden mit Problemen zu tun
haben, bei denen es sich um Raumnot, um Klimaveränderungen,
Trinkwassermangel, um Energie- und Nahrungsversorgung
dreht. Dass dies alles ohne Einfluss auf das Gartenverständnis
bleiben könnte, das ist unvorstellbar.
Konsequenzen für den Garten?
Falls es Europa gelingt, trotz all dieser Probleme einen
relativen Wohlstand zu erhalten, so wird der Raum trotzdem
enger werden. Die Grundstücke teuer und kleiner.
Wahrscheinlich nimmt die Mobilität ab. Es fragt sich, ob
es noch sinnvoll und machbar ist, draußen auf dem Lande
zu wohnen und in der Stadt zu arbeiten. Die momentanen
Benzinpreise geben uns einen Vorgeschmack. Umgekehrt ist
natürlich auch denkbar, dass die Menschen gar nicht mehr
zur Arbeit fahren müssen, dass sie die Arbeit am Computer
zu Haus erledigen. Doch trifft dies nicht nur für wenige
zu? Und eine andere Frage: Wird sich die Tendenz zur
Selbstversorgung verstärken? Wird die Bedeutung des
Kleingartenwesens nicht sogar zunehmen, oder werden die Gärten
noch mehr und nun ernsthaft zum Hort für die Natur?
Wird das Einfamlienhaus im rechteckigen Grundstück draußen
auf dem Lande noch eine Zukunft haben? Die Zersiedelung
der Landschaft durch letztlich frustrierende Häuser und Gärten,
nur selten geliebt, kann nicht auf Dauer fortgesetzt
werden. Auch wenn im Moment wieder mächtig gebaut wird,
schätze ich, ist die Raumverschwendung zu groß, der Bau
zu teuer, der Energieverbrauch zu hoch und der ästhetische
Gewinn gleich Null. Also das Aus für Gärten? Sicher
nicht. Nur müssen neue Formen des Bauens gefunden werden.
Man muss enger zusammenrücken.
Neue Gärten und neue Architektur
Architekten müssen Gebäudeformen erfinden, bei denen die
Menschen raumsparend und trotzdem individuell leben können,
ohne sich gegenseitig zu belästigen. Beispiel sind
Rundlingssiedlungen oder Terrassensiedlungen. Nicht immer
kann der kleine Garten dann auf gewachsenem Boden plaziert
sein. Er wird unter Umständen auf dem Nachbardach Platz
finden, überhaupt wird es selbstverständlich sein, die Dächer
in den Städten gartenbaulich zu nutzen, wenn sie nicht
zum Einfangen von Sonnenenergie gebraucht werden. In den
kleinen städtischen Gärten wird man Gehölze und Stauden
bevorzugen, die mehr in die Höhe, als in die Breite
wachsen. Das Spalier wird eine größere Bedeutung
erlangen. Viele Gesichter wird der Stadtgarten haben.
Neben dem großen Balkongarten, dem Penthausgarten, dem
Wintergarten werden hoffentlich viele neue Ideen von
Hochbau- und Landschaftsarchitekten gemeinsam entwickelt.
Glaspaläste in den Städten
Große Unterglasgärten in öffentlichen Gebäuden. Sind
sie ein Symbol für den Rückzug der Menschen aus der
Gefahrenzone der kosmischen Strahlung und der
menschengemachten Klimaveränderungen?
Man kann sie heute in Berlin, München, Frankfurt und
Hamburg allenthalben finden. Wird solchen Gärten eine
Zukunft beschert sein? In den Großstädten werden Glasgärten
gern besucht, zumal sie meist ein Restausant oder Café
haben und weil es ein erregendes Lebensgefühl ist, unter
tropischen oder subtropischen Gehölzen zu lustwandeln, während
draußen die Bäume kahl sind und Schnee liegt. Die Motive
für Architekten und Auftraggeber sind sehr
unterschiedlich. Hier soll der Straßenlärm ferngehalten
werden, dort möchte man für die Mitarbeiter eine
Pausenzone zur Entspannung schaffen, auch verspricht man
sich durch die Pflanzen eine Verbesserung des Raumklimas
der umliegenden Büros und Läden. Schließlich haben
sicher einige Glasgärten die Aufgabe, Kundschaft zu
animieren, durch ihre Exotik, durch Südseeromantik,
vielleicht noch unterstützt durch das Geschrei tropischer
Vögel. Solche Unterglasanlagen, fast virtuelle Gärten,
bedürfen einer sehr ausgefeilten automatischen
Klimatechnik. Stimmt es mit dem Klima nicht, gibt es einen
unendlichen und vergeblichen Kampf mit Schild- und Wollläusen,
mit Spinnmilben und Pilzkrankheiten.
Im privaten Bereich wird der Wintergarten sicher an
Bedeutung zunehmen, wobei sich Funktion und Nutzung ändern
dürften. Ein Problem stellt nach wie vor der warme
Wintergarten dar, der im Winter bewohnte, im Sommer oft
viel zu heiße Wohnraum unter Glas. Pflanzen wie Menschen
fühlen sich nur wohl, wenn die Häuser perfekt
klimagesteuert sind, wie die geschilderten Großanlagen.
Man wird dahinter kommen, daß ein frostfreies Kalthaus
oder ein temperiertes Haus weit mehr Pflanzenvielfalt und
mehr Lebensfreude bieten können, als stubenwarme Wintergärten.
Wichtig auch hier die Architektur. Integrierte Glasgärten
sollten bei modernen Stadthäusern so selbstverständlich
sein wie Dachgärten.
Wachstum fördern / Wachstum unterbinden
Ganz bestimmt wird ein Widerspruch auch in Zukunft nicht
aufgehoben, ein Widerspruch, der schon existierte, als der
Mensch eines Tages auf die Idee kam, ein Stückchen Erde
aufzulockern, von Pflanzenwuchs zu befreien, um eine Blume
oder ein Kraut ohne Konkurrenzdruck wachsen zu lassen.
Die erste große Überraschung war das ungewohnte Wachstum
dieser Ur-Kulturpflanze. Die zweite Überraschung: in den
offenen Boden drangen sofort wieder Pflanzen ein und bedrängten
das Wunschkraut. So wurde mit der ersten Kulturpflanze
auch das Unkraut geboren und der prinzipielle Widerstreit
zwischen gewolltem Wachstum und ungewolltem.
Der Gärtner will das Wachstum und er bekämpft das
Wachstum. Er düngt seine Kulturpflanzen, versorgt sie mit
Wasser. Und genau diese Fürsorge kommt den Unkräutern,
den ungewollten Pflanzen genauso zugute wie den gewollten.
Aber auch bei seinen Kulturpflanzen bekämpft oder
drosselt er das Wachstum: Rasenschnitt, Obst- und Ziergehölzschnitt,
die Behandlung von Zierpflanzen mit Wuchshemmern. die
Schnitthecke, alles ein Dauerkampf gegen das Wachstum. Ob
sich an diesem Dauerfrust etwas ändern wird? Wohl kaum.
Der High-Tech-Garten
Und doch ist es zumindest vorstellbar. So ist durchaus der
High-Tech-Garten denkbar.
Wie sähe der wohl aus? Der Rasen muß nicht mehr
geschnitten werden. Die Hecke behält, wenn sie eine
bestimmte Größe erreicht hat, ihre Form. Auch die
anderen Gehölze bleiben niedlich und gestylt. Der Boden,
standardisiert, am besten Steinwolle. Die automatische
computergestützte Beregnungsanlage bringt gleichzeitig Dünger
und Pestizide aus. Blumenbeete kann man als
Kurzzeit-Teppich kaufen. Die Pflanzen sind in einem Vlies
vorgezogen, das nur noch ausgerollt und angegossen zu
werden braucht. Ist der Frühsommerteppich verblüht, wird
er durch den Hochsommerteppich ersetzt und entsorgt. Solch
einen vorproduzierten Teppich gibt es für jede
Jahreszeit. Und die Blumenzwiebeln? Einmalware. Nach dem
Verblühen werden auch sie entsorgt. Das ist nicht der von
vielen Leuten immer wieder erhoffte pflegeleichter Garten,
das geht weit darüber hinaus. Der High-Tech-Garten ist
ein Garten, den man ein- und ausschalten kann. Man muß
nur noch im Keller oder im Wohnzimmer hinter der Gardine
einen Hebel bedienen.
Utopie, oder schon Wirklichkeit?
Ein Jule Verne-Garten? Jule Verne hat in seinen Romanen
nichts erfunden, hat nur die Erfindungen seiner Zeit
weitergesponnen. Auch die technischen und biologischen
Voraussetzungen für den High-Tech-Garten sind alle
vorhanden. Die gentechnisch veränderte, gleichmäßig und
gedrungen wachsende Nordmannstanne für Weihnachten gibt
es bereits. Zum gentechnisch kurzbleibenden Rollrasen ist
es nur noch ein winziger Schritt. Gegen Pestizide
resistente Kulturpflanzen sind längst nichts Neues mehr.
Der Siegeszug rechnergesteuerter Verfahren ist nicht mehr
aufzuhalten. Die Automatisierung der Pflanzenproduktion
muss nicht mehr erfunden werden. Und Blumenrollbeete, dies
Wort auszusprechen reicht vermutlich bereits, um ein paar
Firmen hellhörig zu machen. Vielleicht arbeitet auch
schon mancher daran, unterstützt durch Agrar- und
Gartenbauwissenschaft.
Nun sind Sie natürlich der Meinung, solche Gärten
brauchen wir nicht, und es gäbe zum Glück dafür auch
gar keine Kunden.
Wir werden solche Gärten bekommen. Und bestimmte Leute
werden großen Wert darauf legen. Ihr Garten soll schick
aussehen, propper, darf keine Arbeit machen und muss jedes
Jahr etwas Neues bieten. Kosten darf es eine ganze Menge,
schließlich ist man ja wer und will auch was zeigen! Zu
verreisen ist dann kein Gartenproblem mehr, da zu Haus
alles automatisch abläuft oder durch Telefonkontakt mit
dem Rechner initiiert werden kann.
Dass dies alles nichts mehr mit Garten, ja mit Leben zu
tun hat, ist durchaus richtig. Aber wird diese Entwicklung
deshalb zu verhindern sein? Die Pflanze wird zur Schmuck-
und Farbgebungs-Ware. Was da - besonders bei Einjährigen
- gezüchtet wurde, spottet teilweise jeder Beschreibung.
Es läuft auf den Kohlkopf hinaus, egal ob Nelke, Tagetes,
Calendula, selbst Eschscholzien und Kornblumen. Wenn dann
noch der Stiel verkürzt, die Gestalt gedrückt wird,
haben wir Standardware, die sich für das bunte Blumenbeet
genauso eignet wie für den Blumentopf. Es handelt sich um
Wegwerfware im doppelten Sinne des Wortes! Die Zukunft
wird von solchen Angeboten regen Gebrauch machen. Wachstum
und Vermehrung finden in der Pflanzenfabrik statt. Dort hängt
man sich noch ein grünes Mäntelchen um, obwohl man mit
richtigen Plastikhecken und mit Kunststoffrasen, mit
echten Plastikbuntteppichen liebäugelt, da diese
produktionstechnisch doch noch etwas einfacher und
billiger herzustellen wären.
Wohlgemerkt, es wird nicht ein Verhältnis zum Garten
geben, sondern es wird sehr viele Verhältnisse geben. Und
der High-Tech-Garten wird gewiß einige Menschen
hochgradig befriedigen, während andere völlig
entgegengesetzte Wünsche haben und sich erfüllen werden.
Der Garten als Kontrast
Wir leben in einem technischen Zeitalter. Und es wird noch
technischer werden. Die Menschen werden in hohem Tempo
mitfliegen, manche werden sich angewidert abwenden. Die
Mitflieger können das Tempo, wie eingangs geschildert,
aber nicht unbeschadet durchhalten. Um Menschen bleiben zu
können, brauchen sie Phasen der Ruhe, der Andacht, der
Meditation. Nahrung für die Seele. Der Garten, in dem man
Stille findet, wird gefragt sein. Der Garten, der einen zu
erschüttern vermag, wie der Anblick eines gotischen
Kirchenschiffes, weil er stark ist in seinen Bildern,
stark wie eine große Musik, oder ein einfaches Lied.
Vielleicht ist er sehr sparsam in seinen Mitteln, eher
japanisch als europäisch. Er kann ja nicht groß sein.
Und so konzentriert sich mancher Garten auf nur ein Motiv,
dies aber vollendet gestaltet.
Oder wird man in Ermangelung eines eigenen Gartens einen
öffentlichen Garten besuchen, um zu Ruhe und Entspannung
zukommen? Wird der öffentliche Garten in der Gesellschaft
einen höheren Stellenwert erhalten? Vorstellbar ist es
zurzeit nicht, aber denkbar!
Der Garten als Lebensinhalt
Um eine Art Garten braucht man sich gewiß keine Sorgen zu
machen, um die Gärten der Leidenschaftlichen, der
Besessenen, der Pflanzensammler, der Spezialisten.
Ich glaube, die werden sogar zunehmen. Unter anderem, weil
die Zahl alter Menschen überproportional anwächst. Sich
mit Pflanzen eingehend befassen, mit ihnen engen Kontakt
aufnehmen, mit ihnen sprechen, ja selbst fast zu einem
pflanzlichen Wesen werden, das wird in aller Konsequenz
erst möglich, wenn die aktive Berufszeit vorüber und die
Kinder aufgezogen sind.
Und warum sollen Altenheime nicht in Zukunft öffentlich
zugängliche Gärten haben, die von den Alten gestaltet,
gepflegt und versorgt werden? Der Heim-Aufenthalt ist doch
nur deshalb oft so trostlos und gefüchtet, weil die
Menschen dort keine Chance mehr erhalten, aktiv zu wirken,
mitzugestalten.
Mehr Wissen schafft ein neues Verhältnis
Das Verhältnis der leidenschaftlichen Gärtner, um mit
Rudolf Borchardt all die Besessenen zusammenzufassen,
dieses Verhältnis zu ihren Gärten ist so beispielhaft,
daß man nur wünschen kann, es mögen immer mehr werden.
Dieses Verhältnis zeichnet sich durch sehr viel Liebe,
ein großes Einfühlungsvermögen und durch einen enormen
Kenntnisreichtum bei den Gartenliebhabern aus. Das ist
mehr, weit mehr, als die meisten Berufsgärtner aufbringen
können und weit mehr als das Gros all jener Leute, die
heute einen Garten besitzen. Kein Buch, keine Zeitschrift,
keine Pflanzenkostbarkeit ist ihnen zu teuer. Auf der
anderen Seite sind sie schlechte Kunden im Gartencenter.
Sie wissen zu viel. Sie lassen sich nicht für jede
Pflanzengattung einen Spezialdünger andrehen, sie kommen
ohne Kompoststarter aus und all die vielen Mittelchen,
deren Unentbehrlichkeit man uns weismachen will. Sie
wissen, dass die Gartengeräte in den letzten 100 Jahren
die gleichen geblieben sind, man mit sehr wenigen auskommt
und Neuem auf diesem Gebiet mit Skepsis zu begegnen ist.
In der ersten Ausgabe seines „Gartenbuch für Anfänger“
1895, stellt Johann Böttner genau die gleichen Gartengeräte
vor, die auch heute noch gebraucht werden. Doch verschließen
sich diese Amateure nicht wirklich guten Neuerungen.
Reisen sind für sie Garten- und Naturerlebnisse. Sie
werden immer etwas mitbringen, teils käuflich erworben,
teils Geschenktes, aber auch Samen oder Pflanzenteile aus
der Natur. Und die Pflanzen wachsen bei ihnen an und
gedeihen.
Kann man Gartenlust unters Volk bringen?
Kann man diesen Gartenvirus ausbreiten? Könnte es
gelingen, andere Menschen anzustecken, mit Leidenschaft zu
beseelen? Ich fürchte, das hält sich in sehr engen
Grenzen. Natürlich gibt es einige Zeitschriften für die
„Leidenschaftlichen“ und für Fachleute. Die einschlägigen
Zeitschriften mit Massenauflage aber haben deshalb eine so
hohe Auflage, weil sich die Leser meist in ihren Urteilen
und Vorurteilen bestätigt fühlen. Doch diese Blätter
sind nur selten vom Virus befallen. Rundfunk und Fernsehen
sind gleichermaßen außerstande, eine neue Generation
besessener Gartenliebhaber heranzubilden. Die Zuhörergemeinde
kann noch so groß sein, was wirklich gefragt ist, das
sind Rezepte, Rezepte wie man, was wann düngt, aussät,
pikiert, wohin pflanzt, vor allem aber Rezepte, wie man
mit Wühlmäusen, Schnecken und Maulwurfsgrillen fertig
wird, was man gegen Moos und Hexenringe im Rasen machen
kann und wie man bei Rosen den Sternrußtau bekämpft.
Es geht also mehr um die Verhinderung biologischer Vorgänge,
als um Wachstum. Der Frust frisst die Lust am Garten.
Wie oft werde ich am Gartenzaun angesprochen. Einerseits
bewundert man unseren Garten, der durchaus nichts Außergewöhnliches
darstellt, andererseits bedauert man meine Frau und mich
zutiefst, weil wir uns diese Arbeit Jahr für Jahr
aufhalsen.
Wenn wir dann sagen, dies sei unsere Entspannung, unsere
Wochenendfreude, dann ernten wir ein mildes Lächeln. Da
liegen tiefe Gräben zwischen den Gärten der
Leidenschaftlichen und jenen der
Zwangsgarten-Verpflichteten. Der Funke springt nicht
einfach über! Selbst jene privaten Gärten im Umfeld des
Staudensichtungsgartens in Weihenstephan geben nicht zu
erkennen, dass sie auch nur irgendwie angesteckt worden wären.
Wie aber soll es gehen? Ich weiß keinen Weg.
Ist der Schulgarten ein geeignetes Mittel?
Außer man holt eine alte Geschichte wieder aus der
Schublade: den Schulgarten. Wo die Schulgärten wirklich
funktionieren (es gibt ja einige phantastische Gärten),
da helfen sie nicht nur, in den Kinder Liebe zum Garten,
Liebe zur Pflanze zu wecken. Es werden auch Grundlagen
gelegt: Was ist Boden, wie unterscheiden sich Böden, wie
kann man sie verbessern. Die Kinder erfahren den Einfluss
von Wetter und Witterung. Lernen die Bedeutung des Klimas
kennen, lernen, wie man sät, pikiert und auspflanzt, wie
sich die Pflanzen entwickeln. Und oft sind auch die Eltern
mit von der Partie, werden hineingezogen, ange-steckt.
An den normalen Schulen scheitert das Vorhaben
Schulgarten. Einige ambitionierte Lehrer legen Gärten an,
aber das geht zeitlich und finanziell zu ihren Lasten.
Gartenarbeit ist keine Regelstunde. An Waldorfschulen gibt
es eine Lehrkraft, die nur für den Schulgarten und den
Gartenunterricht zuständig ist. Das ist eine ganz andere
Voraussetzung. Warum sollte dieses System nicht übertragbar
sein?
Aus finanziellen Gründen, wird man sagen. Man kann es
sich nicht leisten, mehr Lehrer als unbedingt nötig zu
beschäftigen. Aber hat der lebendige Biologieunterricht,
bei dem die Kinder den Boden, die Pflanzen und die Tiere
anfassen, begreifen können, nicht die gleiche Bedeutung für
die Zukunft wie die Kommunikationstechnik und der Umgang
mit Rechner und Bildschirm? Sämtliche Schulen in Bayern
sollen jetzt damit ausgerüstet werden. Ich leugne nicht
die Wichtigkeit dieser Techniken. Aber wenn Biologie nur
noch ein theoretisches Fach ist, dann sehe ich für die
Zukunft schwarz.
Natürlich geht es mir auch darum, Gartenfreunde
heranzubilden. Das war ja der Ausgangspunkt. Aber laufen
wir nicht Gefahr, bald eine neue Generation in den Städten
aufwachsen zu sehen, die nur noch virtuelle Gärten kennt,
die sich nicht darüber im Klaren ist, wie die
Nahrungsmittel entstehen? Die Blumen nur als floristisches
Gebinde in Folie mit Duftspray kennen?
Ein neues Gartenverhältnis im 21. Jahrtausend kann nur
entstehen, wenn der Umgang mit den Pflanzen den gleichen
hohen Stellenwert erhält wie die Computertechnik und das
Internet. Das mögen einige Leute hinterwäldlerisch
finden. Aber auch im 21. Jahrhundert ist das tierische und
menschliche Leben auf Erden einzig und allein vom
pflanzlichen Leben abhängig, vielleicht sollte man dies
hin und wieder sagen.
Ein neues Verhältnis zum Garten?
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre dies eine
stärkere Individualisierung der Gärten. Es ist traurig,
immer wieder die gleichen Motive mit immer wieder den
gleichen Gehölzen und Stauden zu sehen. Als ob es nicht
reicht, wenn der Nachbar einen weithin leuchtenden
Forsythienstrauch hat, nein, solch ein Ding steht in fast
jedem Garten. Und dazu eine rosa Zierkirsche. Müssen in
jedem Garten Rosenbeete eine Pflicht sein? Ist der Rasen
wirklich unentbehrlich? Kann man nicht die Forderung
kippen, in einem Garten müsse es bunt zugehen? Alles
Geschmacksfragen und damit eine Sache, die man gefälligst
jedem selbst überlassen sollte? Wohl eher eine Frage der
Gartenbildung, des Gartenwissens.
Wenn man manche Gärten in unserem Land anschaut und
sieht, wie wenig die Leute damit anzufangen wissen, oder
einfach die Kataloge der großen Versandthäuser
aufpflanzen, dann ertappt man sich dabei,
Lebensmittelmangel herbeizuwünschen, nur damit diese
nutzlosen Flächen wenigstens mit Kartoffeln und Gemüse
bestellt werden.
Wenn ich mir etwas wünschen könnte, so wäre es
Vielfalt, jeder Garten das Spiegelbild eines ganz persönlichen
Verhältnisses. Weg von den Moden, weg von der platten Übernahme
immer gleicher Motive. Aber diese Wünsche sind weit weg
von jeder Realität.
Christian Seiffert, Rundfunk- und Fernsehjournalist
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