Illertisser Gartenlust 2007 - Kolumnen
 
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09. Andreas Barlage | vorherige | nächste |
 

Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn 

Sehen Sie gerne fern? Blättern Sie gern in Zeitschriften? Stromern Sie gern durch große Gartencenter? Ganz egal, welche dieser drei Schwächen Sie haben – um Reklame kommen Sie nicht herum. Seit Trendscouts den Garten als Rückzugsgebiet der stressgebeutelten Konsumgesellschaft entdeckt haben, ist die Idylle des ungestörten Gartenglücks endgültig passé. Wann gab es jemals einen solchen Boom an Gartenprodukten? Von der Spezialerde für Erdbeeren (über deren Nutzen sich trefflich streiten ließe) bis hin zur technischen Aufrüstung des Maschinenparks im Schuppen. Zielgruppengerecht werden Blumenpflegeprodukte mit Pflanzenwellnesseffekt (für die umsorgend gärtnernde Dame) oder schnittige Rasenmäher mit überragenden Leistungen (für den motorbegeisterten Gärtner) angepriesen. Keine Nische, kein Kundensegment bleibt ungenutzt! Schließlich gibt es für jeden etwas: Aldi und Lidl bieten selbst die angeblich unverzichtbaren Teichfilteranlagen zu Kampfpreisen in vielerlei Hinsicht billiger an als der Fachhändler. Wünsche wecken – Wünsche befriedigen; so lautet die unbarmherzige Devise erfolgreichen Verkaufens. 

Das alles wäre ja noch hinzunehmen, wenn die angepriesenen Produkte aus der bonbonbunten Reklamewelt, die von modelschönen Mittzwanzigern beiderlei Geschlechts im designverdächtigen Outfit bevölkert wird, wenigstens ein bisschen Nutzen und Zweck hätten. Zu gerne würde auch ein Kritikaster wie ich dann über die stylische Präsentation hinweg sehen. Aber – Enttäuschung! Oder besser: Ernüchterung. Es geht nun einmal um das Verkaufen! Und Verkaufsstrategien zielen immer und überall über die Bedarfsdeckung hinaus. Es reicht einem Hersteller von Dünger nicht aus, einen vernünftigen Volldünger auf organischer Basis anzubieten – dazu vielleicht etwas Eisen gegen Chlorose und etwas Thomasmehl für die Versorgung mit Mineralien. Nein! Konfektioniert für die SB-Regale stehen Spezialdünger bereit für Moorbeetpflanzen (... na gut…), Rosen (... warum nicht ...), Tomaten (... nanu?), Buchsbaum (... wie bitte?), Kübelpflanzen (... auch das noch ... ) und Beerenobst (... Sie haben richtig gelesen!). Genauso wie im Küchenschrank die Gewürzmischungen für fixe Gerichte sammeln sich auf dem Garagenregal die bunten Pakete. 

Und die Suggestion schreitet fort! Längst sollen Gartengeräte nicht mehr die Arbeit erleichtern – sie werden zum Status. Früher brauchte man einen Spaten, eine Harke, einen Kultivator, vielleicht eine Grabegabel. Dazu kamen eine Pflanzkelle, eine Rasenkantenschere, ein scharfes Messer, eine Heckenschere und eine robuste Rosenschere. Fast jeder kam mit einem handbetriebenen Spindelmäher aus und der Rasenschnitt wurde mit einem Rechen zusammengeharkt. Heute gilt das als rückständig – wozu gibt es denn Auffangkörbe? … dafür lüfte ich den Rasen nicht mehr beim Abharken ... Kein Problem – dann wird eben vertikutiert. Am besten zweimal im Jahr, damit sich die Anschaffung des teuren Vertikutierers bezahlt macht.

Womit wir bei den motorbetriebenen Geräten wären. Manchmal scheint es, dass bei Rasenmähern die Lautstärke des Motors Aussagen über die Gartenkompetenz und vielleicht auch sonstige Potenz des Mähernutzers machen soll. Und wer hat eigentlich diese Laubsauger erfunden? Sachdienliche Hinweise auf den Urheber dieser nervtötenden Herbstgeißel werden gern entgegen genommen. Ich möchte diesem Menschen eine Blechdose selbst gebackener Weihnachtsplätzchen schicken – mit dem besonderen Bittermandelaroma von Arsen.

Jetzt fragen Sie sich vielleicht, warum ein an sich friedlicher Zeitgenosse Mordgelüste (zumindest auf dem Papier) äußert? Klare Antwort: Er ist zornig. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich habe nichts gegen Fortschritte und Arbeitserleichterungen. Einen Fugenkratzer finde ich genial und ich liebe den Halbmondkantenstecher. Aber das sind Ausnahmen. Die Regel ist, dass Menschen, die eigentlich nichts anderes möchten, als ehrliche Hilfe im Garten, Geschäftemachern in die Hände fallen, deren Aufgabe es ist, Umsätze zu machen. 

Es macht mich wütend, wenn ich in so genannten Ratgebern als „Hilfe gegen Blattkrankheiten bei Rosen“ lediglich die neuesten Produkte aus der Pharma-Giftküche zu lesen bekomme. Mir schwellen die Halsadern, wenn Gartenbesitzern vorgegaukelt wird, dass nur glasklares Wasser im Teich die Fische glücklich macht. Jedes Tier, das sich in die sterile Gartenwelt vorwagt und nicht „niedlich“ ist oder Hunger hat, wird vergiftet – auf mehr oder weniger natürliche Weise. Unser Garten soll aussehen wie eine Puppenstube nach einer Putzmittelwerbung. Klar, dazu gehören dann auch die sterilen Pflanzen in ausgefallenen Farben und Mustern. Eines Tages, so mein größter Albtraum, werden die Leute im Garten die Blätter und Blüten verwundert anfassen und staunen, dass sie „echt“ sie sind. Gentechnik macht’s möglich ... 

Wie unsere Wohnung, unsere Kleidung und unsere Küche ist auch unser Garten ein Schauplatz der Schlacht um Marktanteile. 

Wohnen, Kleiden, Essen – drei unserer elementaren Bedürfnisse sind bereits manipuliert und jeder von uns hat große Mühen, zu unterscheiden, was Mache und was Substanz ist. 

Und der Garten? Welche Rolle spielt er für uns, und was kann er eigentlich sein? 
Er ist definitiv nicht die Natur – aber er ist eine Brücke zu ihr. Und damit zu uns selbst. Wir sind Wesen aus der Natur, auch wenn wir es mit unserem Kulturlack oft nicht wahrhaben wollen. 
Um in der Wildnis zu überleben, haben wir nur die eine Chance, sich ihren Gesetzen zu fügen und wieder zu ihrem Teil zu werden. 

Im Garten hingegen dürfen wir auch noch gestalten. Er ist gleichzeitig Lehrmeister wie Kreation. Kein anderes Hobby schärft unsere in Jahrmillionen auf Naturwahrnehmung entwickelten Sinne so ganzheitlich wie der Garten. Komplexe Zusammenhänge, ja das ganze Weltgefüge offenbart sich uns, wenn wir nur genau hinsehen. Alle in uns angelegten Kreisläufe des Wachsen und Vergehens zeigen sich in einer Schönheit und Vielfalt ganz nahe. Hier dürfen wir genießen! Den Duft der Rosen, Veilchen und Nelken; den Geschmack der Himbeeren und Minzen; den täglichen Gesang der Vögel; das Liegen auf dem Rasen mit dem Gesumm und Gebrumm geschäftiger Kerbtiere.

Und die Gartenarbeit? 
Ich weiß genau, wie sehr ein Rücken nach dem Umgraben schmerzt, wie wund Hände nach dem Jäten sein können und dass zerkratzte Hände zum Rosenschneiden gehören. Aber das ist ein fairer Tausch! Dafür bekomme ich meine Genüsse und Erlebnisse. Erlebnisse aus erster Hand, ohne dass ein Medienmacher mir das leicht verdaulich machen musste. 
Vielleicht ist auch das Sinn der Sache, dass wir beim Arbeiten im Garten darauf aufmerksam gemacht werden, dass ein wichtiger Rhythmus unseres Lebens auch im Geben und Nehmen besteht. 

Stellen Sie doch einmal alles, was sich in Ihrem Garten abspielt – vom Gartengerät bis zur Pflanzenneuanschaffung – auf einen einzigen Prüfstand: Bringt Sie das Gekaufte, das Begehrte, dem Garten und seiner ursprünglichen Naturkraft näher? Oder entfernt es Sie von der sinnlichen Wahrnehmung dieses Weges zur Natur und verwässert das unmittelbare Erleben? 

Damit habe ich ausdrücklich nichts gegen Gartenzwerge gesagt!



Andreas Barlage, „schreibender Gartenenthusiast" lebt in Neuss.