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Auf der Suche nach dem verlorenen
Sinn
Sehen Sie gerne fern? Blättern Sie gern in Zeitschriften?
Stromern Sie gern durch große Gartencenter? Ganz egal,
welche dieser drei Schwächen Sie haben – um Reklame
kommen Sie nicht herum. Seit Trendscouts den Garten als Rückzugsgebiet
der stressgebeutelten Konsumgesellschaft entdeckt haben,
ist die Idylle des ungestörten Gartenglücks endgültig
passé. Wann gab es jemals einen solchen Boom an
Gartenprodukten? Von der Spezialerde für Erdbeeren (über
deren Nutzen sich trefflich streiten ließe) bis hin zur
technischen Aufrüstung des Maschinenparks im Schuppen.
Zielgruppengerecht werden Blumenpflegeprodukte mit
Pflanzenwellnesseffekt (für die umsorgend gärtnernde
Dame) oder schnittige Rasenmäher mit überragenden
Leistungen (für den motorbegeisterten Gärtner)
angepriesen. Keine Nische, kein Kundensegment bleibt
ungenutzt! Schließlich gibt es für jeden etwas: Aldi und
Lidl bieten selbst die angeblich unverzichtbaren
Teichfilteranlagen zu Kampfpreisen in vielerlei Hinsicht
billiger an als der Fachhändler. Wünsche wecken – Wünsche
befriedigen; so lautet die unbarmherzige Devise
erfolgreichen Verkaufens.
Das alles wäre ja noch hinzunehmen, wenn die
angepriesenen Produkte aus der bonbonbunten Reklamewelt,
die von modelschönen Mittzwanzigern beiderlei Geschlechts
im designverdächtigen Outfit bevölkert wird, wenigstens
ein bisschen Nutzen und Zweck hätten. Zu gerne würde
auch ein Kritikaster wie ich dann über die stylische Präsentation
hinweg sehen. Aber – Enttäuschung! Oder besser: Ernüchterung.
Es geht nun einmal um das Verkaufen! Und
Verkaufsstrategien zielen immer und überall über die
Bedarfsdeckung hinaus. Es reicht einem Hersteller von Dünger
nicht aus, einen vernünftigen Volldünger auf organischer
Basis anzubieten – dazu vielleicht etwas Eisen gegen
Chlorose und etwas Thomasmehl für die Versorgung mit
Mineralien. Nein! Konfektioniert für die SB-Regale stehen
Spezialdünger bereit für Moorbeetpflanzen (... na
gut…), Rosen (... warum nicht ...), Tomaten (... nanu?),
Buchsbaum (... wie bitte?), Kübelpflanzen (... auch das
noch ... ) und Beerenobst (... Sie haben richtig
gelesen!). Genauso wie im Küchenschrank die Gewürzmischungen
für fixe Gerichte sammeln sich auf dem Garagenregal die
bunten Pakete.
Und die Suggestion schreitet fort! Längst sollen
Gartengeräte nicht mehr die Arbeit erleichtern – sie
werden zum Status. Früher brauchte man einen Spaten, eine
Harke, einen Kultivator, vielleicht eine Grabegabel. Dazu
kamen eine Pflanzkelle, eine Rasenkantenschere, ein
scharfes Messer, eine Heckenschere und eine robuste
Rosenschere. Fast jeder kam mit einem handbetriebenen
Spindelmäher aus und der Rasenschnitt wurde mit einem
Rechen zusammengeharkt. Heute gilt das als rückständig
– wozu gibt es denn Auffangkörbe? … dafür lüfte ich
den Rasen nicht mehr beim Abharken ... Kein Problem –
dann wird eben vertikutiert. Am besten zweimal im Jahr,
damit sich die Anschaffung des teuren Vertikutierers
bezahlt macht.
Womit wir bei den motorbetriebenen Geräten wären.
Manchmal scheint es, dass bei Rasenmähern die Lautstärke
des Motors Aussagen über die Gartenkompetenz und
vielleicht auch sonstige Potenz des Mähernutzers machen
soll. Und wer hat eigentlich diese Laubsauger erfunden?
Sachdienliche Hinweise auf den Urheber dieser nervtötenden
Herbstgeißel werden gern entgegen genommen. Ich möchte
diesem Menschen eine Blechdose selbst gebackener
Weihnachtsplätzchen schicken – mit dem besonderen
Bittermandelaroma von Arsen.
Jetzt fragen Sie sich vielleicht, warum ein an sich
friedlicher Zeitgenosse Mordgelüste (zumindest auf dem
Papier) äußert? Klare Antwort: Er ist zornig. Verstehen
Sie mich nicht falsch – ich habe nichts gegen
Fortschritte und Arbeitserleichterungen. Einen
Fugenkratzer finde ich genial und ich liebe den
Halbmondkantenstecher. Aber das sind Ausnahmen. Die Regel
ist, dass Menschen, die eigentlich nichts anderes möchten,
als ehrliche Hilfe im Garten, Geschäftemachern in die Hände
fallen, deren Aufgabe es ist, Umsätze zu machen.
Es macht mich wütend, wenn ich in so genannten Ratgebern
als „Hilfe gegen Blattkrankheiten bei Rosen“ lediglich
die neuesten Produkte aus der Pharma-Giftküche zu lesen
bekomme. Mir schwellen die Halsadern, wenn Gartenbesitzern
vorgegaukelt wird, dass nur glasklares Wasser im Teich die
Fische glücklich macht. Jedes Tier, das sich in die
sterile Gartenwelt vorwagt und nicht „niedlich“ ist
oder Hunger hat, wird vergiftet – auf mehr oder weniger
natürliche Weise. Unser Garten soll aussehen wie eine
Puppenstube nach einer Putzmittelwerbung. Klar, dazu gehören
dann auch die sterilen Pflanzen in ausgefallenen Farben
und Mustern. Eines Tages, so mein größter Albtraum,
werden die Leute im Garten die Blätter und Blüten
verwundert anfassen und staunen, dass sie „echt“ sie
sind. Gentechnik macht’s möglich ...
Wie unsere Wohnung, unsere Kleidung und unsere Küche ist
auch unser Garten ein Schauplatz der Schlacht um
Marktanteile.
Wohnen, Kleiden, Essen – drei unserer elementaren Bedürfnisse
sind bereits manipuliert und jeder von uns hat große Mühen,
zu unterscheiden, was Mache und was Substanz ist.
Und der Garten? Welche Rolle spielt er für uns, und was
kann er eigentlich sein?
Er ist definitiv nicht die Natur – aber er ist eine Brücke
zu ihr. Und damit zu uns selbst. Wir sind Wesen aus der
Natur, auch wenn wir es mit unserem Kulturlack oft nicht
wahrhaben wollen.
Um in der Wildnis zu überleben, haben wir nur die eine
Chance, sich ihren Gesetzen zu fügen und wieder zu ihrem
Teil zu werden.
Im Garten hingegen dürfen wir auch noch gestalten. Er ist
gleichzeitig Lehrmeister wie Kreation. Kein anderes Hobby
schärft unsere in Jahrmillionen auf Naturwahrnehmung
entwickelten Sinne so ganzheitlich wie der Garten.
Komplexe Zusammenhänge, ja das ganze Weltgefüge
offenbart sich uns, wenn wir nur genau hinsehen. Alle in
uns angelegten Kreisläufe des Wachsen und Vergehens
zeigen sich in einer Schönheit und Vielfalt ganz nahe.
Hier dürfen wir genießen! Den Duft der Rosen, Veilchen
und Nelken; den Geschmack der Himbeeren und Minzen; den täglichen
Gesang der Vögel; das Liegen auf dem Rasen mit dem Gesumm
und Gebrumm geschäftiger Kerbtiere.
Und die Gartenarbeit?
Ich weiß genau, wie sehr ein Rücken nach dem Umgraben
schmerzt, wie wund Hände nach dem Jäten sein können und
dass zerkratzte Hände zum Rosenschneiden gehören. Aber
das ist ein fairer Tausch! Dafür bekomme ich meine Genüsse
und Erlebnisse. Erlebnisse aus erster Hand, ohne dass ein
Medienmacher mir das leicht verdaulich machen musste.
Vielleicht ist auch das Sinn der Sache, dass wir beim
Arbeiten im Garten darauf aufmerksam gemacht werden, dass
ein wichtiger Rhythmus unseres Lebens auch im Geben und
Nehmen besteht.
Stellen Sie doch einmal alles, was sich in Ihrem Garten
abspielt – vom Gartengerät bis zur
Pflanzenneuanschaffung – auf einen einzigen Prüfstand:
Bringt Sie das Gekaufte, das Begehrte, dem Garten und
seiner ursprünglichen Naturkraft näher? Oder entfernt es
Sie von der sinnlichen Wahrnehmung dieses Weges zur Natur
und verwässert das unmittelbare Erleben?
Damit habe ich ausdrücklich nichts gegen Gartenzwerge
gesagt!
Andreas Barlage, „schreibender
Gartenenthusiast" lebt in Neuss.
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