Illertisser Gartenlust 2008 - Kolumne
 
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Vier Elemente sind nicht genug!

Ganz gleich in welchem Kreis das Thema zur Sprache kommt – das Thema der klassischen vier Elemente Feuer, Erde, Luft und Wasser, berührt jeden. Als ob wir instinktiv durch das bloße Nennen dieser Begriffe an unsere eigenen Ursprünge erinnert werden! Und obwohl diese Elemente der klassischen Antike zumindest in den Naturwissenschaften begrifflich längst durch die chemischen Elemente im Periodensystem ersetzt wurden, sind die vier Elemente der Antike offenbar noch immer in unserem menschlichen Bewusstsein fest verankert.

Bereits die Anzahl Vier der Elemente ist kein Zufall. Zumindest in unserem abendländischen Kulturkreis – und ein Stück weit auch bei den nativen Völkern Nordamerikas („Erde ist mein Körper; Wasser ist mein Blut; Luft ist mein Atem und Feuer meine Seele“) – ist mit der Zahl Vier die irdische Ganzheit erreicht. Es ist erstaunlich, wie viele Grund legende Orientierungen mit der Viererzahl erfasst werden. Angefangen im engsten Wortsinn bei den vier Himmelsrichtungen, weiter über die vier Jahreszeiten, die vier Tageszeiten, die vier Flüsse die das biblische Paradies umschließen, die vier mal zehn Jahre, die das Volk Israel durch die Wüste ziehen musste ehe es das Gelobte Land erreichte; die vier mal zehn Tage, die Propheten, Jesus von Nazareth eingeschlossen, in der Wüste fasten mussten; und bis hin eben zu den vier Elementen mit denen seit Alters her die Philosophen und Naturwissenschaftler die hiesige Welt erklärten.
Ach ja – wir nehmen unsere Welt auch in vier Dimensionen wahr: Länge, Breite, Höhe ... und Zeit.

Alle Viererzahlen bringen durch ihre Orientierungshilfen auch Grenzmarkierungen mit sich – und das ist durchaus positiv. Schließlich machen uns gerade unsere Grenzen als konturierte Persönlichkeit aus - Grenzen, die wir akzeptieren und Grenzen, die wir setzen.

Nach der Vier-Elemente-Lehre der Antike besteht alles Sein aus Anteilen von Feuer, Erde, Luft und Wasser. Die individuelle Gewichtung der Elemente bei jedem Wesen und jedem Menschen findet ihren Ausdruck im Charakter, in den Möglichkeiten und Grenzen jeder Kreatur. Anders als die modernen Naturwissenschaften steht seit alters her die Vier-Elemente-Lehre in engem Zusammenhang mit Philosophie und Spiritualität. Sie bildet die Grundlage der Alchemie. So greift das Verständnis von Mensch und Natur weit über alles hinaus, was nur durch Skalen und Tabellen reproduzierbar messbar ist.

Jedes der vier Elemente repräsentiert in der Charakterkunde auch eines der klassischen Temperamente. Außerdem ordnet man stets eine Kombination der polare Begriffe heiß-kalt und feucht-trocken sowie eine Himmelsrichtung zu. Da mir diese Wesenszüge auch in der Astrologie eine wichtige Rolle spielen, seien die Tierkreiszeichen zur Erläuterung der Grundtendenzen als Ergänzung dazu genommen.

Feuer (cholerischer Charakter / heiß + trocken / Süden) ist sozusagen die Initialzündung des Lebens. Brennen für sein Leben, sich begeistern und mit dem sprichwörtlichem Feuereifer auf Neues, Spannendes zugehen – dieses Grundgefühl brauchen wir, um uns anzutreiben und immer wieder mit Elan auch Herausforderungen zuzuwenden. Leidenschaft und klopfende Herzen sind dabei bekannte Begleiterscheinungen; Feuer ist aktiv und fordernd.
Den Feuerzeichen Widder, Löwe und Schütze gemeinsam ist eine gewisse Impulsivität. Sie handeln aktiv; zündeln und lodern für ihre Vorstellungen und Ideale auf. Eine feurige Kraft zeichnet sie aus. Manchmal werden sie zum unkontrollierbaren Flächenbrand und auch schnell versiegende Strohfeuer kommen vor. Doch oft sind sie Leuchtfeuer und Signal.

Erde (melancholischer Charakter / kalt + trocken / Norden) zeichnet sich in erster Linie durch Beständigkeit aus. Mutter Erde hat immer den ruhenden Aspekt, den bergenden, tröstenden, unveränderlichen und nährenden Charakter. Erde liefert unsere Materie, unsere Körper und verleiht ihnen Stabilität. Erde wirkt evolutionär, niemals revolutionär. Ausdauer, Zähigkeit und die Gelassenheit angesichts der Ewigkeit sind typische Anzeichen erdigen Charakters.
Die Erdzeichen Stier, Jungfrau und Steinbock sind bodenständig. Sie haben Geduld, können warten und setzen auf eher auf Kontinuität als auf schnelle Entschlüsse. Manchmal sind sie passiv, aber immer sind sie pragmatisch. Erdbetonte Menschen können Materie festhalten und vermehren und gehen grundsätzlich nur auf sicherem Fundament.

Luft (= sanguinischer Charakter / heiß + feucht / Osten) ist frei von Materie. Der Wind weht wo er will und bringt Bewegung ins Leben. Schnelle Umschwünge, Wendungen und immer neue Impulse tragen uns in neue Sphären des Lebens. Durch die luftige Leichtigkeit kommt Humor ebenso ins Spiel, wie Neugier.
Die Luftzeichen Zwillinge, Waage und Wassermann bringen Flexibilität ins Handeln und Denken. Sie binden sich ungern, ja lösen sogar aus unguten, festgefahrenen Bindungen und Bezügen (hier haben wir die Revoluzzer). Sie fachen sie aber Winde und geistige Frische an. Flexibilität, Heiterkeit aber auch eine gewisse Unrast sind typisch für sie.

Wasser (= phlegmatischer Charakter / kalt + feucht / Westen) ist das wandelbarste Element und steht für das reiche Innenleben beseelter Kreaturen. Mal tosende Gischt, mal starres Eis, mal murmelnder Bach, mal stiller See – und doch immer Wasser. Das Element Wasser steht für Intuition und „Bauchgefühle“ jeder Art.
Die Wasserzeichen Krebs, Skorpion und Fische vertreten die emotionale Seite des Lebens und kennen sich in den fließenden Rhythmen des Lebens genau aus. Ohne das Bewusstsein der Gefühle und das Anerkennen ihrer unterschiedlichen Ausprägungen ist das Leben nicht im Fluss, sondern würde stocken. Natürlich sind auch die emotionalen Bindungen dabei absolut wichtig.

Den Elementen lassen sich selbstverständlich auch Farben und von ihrer Ausprägung auch Pflanzen zuordnen. Man sollte dabei aber nicht allzu engstirnig, sondern spielerisch vorgehen, kaum eine Farbe lässt sich nur einem einzigen Element zuordnen – geschweige denn, eine Pflanze. Hier der Versuch, typische „Elementarteilchen“ zu sortieren:

 

Farben

Charakter der Pflanzen

Beispielspflanzen

Feuer

Signalrot
Orange
Pink
Gelb
Gold
Purpur

aufrecht und extensiv bis erobernd wachsend; flammen- bis fackelartige Blütenformen; lodernde Blütenfarben; leuchtende Herbstfärbung; wehrhafte Stacheln und Dornen; eher spitze Blätter; leuchtend rotes Laub; Pflanzen mit Bezügen zur Sonne

Tulpen, Taglilien, Storchenschnabel, Disteln, Brombeeren, Wolfsmilchgewächse, Flächen deckende Rosen (’Alcantara’; ’Rotes Meer’), Akanthus, Tigerlilie, Indianernessel, Stachelbeere, Schlehe, Türkenmohn, Fackellilie, Kaiserkrone, Sonnenbraut, Sonnenblume, Apfel, Cyclamen, Krokus

Erde

Grün
Braun
Lachsorange
Schwarz
Rostrot
Rosarot

rosettig wachsende Pflanzen, üppig gefüllte Blüten, Heilkräuter, Gemüse, großblättriges, braunrotes Laub, holzige Strukturen; waldhafte Anmutung

Dicht gefüllte Rosen (’Aloha ’49’; ’Jubilee Celebration’), Chrysantheme, Erdbeere, Hosta, Heuchera, Päonien, Farne, Minze, Ringelblume, Kapuzinerkresse, Kürbis, Gurke, Phlox, Nussbäume, Sanddorn, diverse Lenzrosen

Luft

Weiß
Gelb
Hellblau
Zartlila
Azur
Indigo
zartrosa

duftendes; wolkig wirkende Pflanzen; mehrfarbige Blüten; bewegliche, feine und zarte Pflanzen; ästhetische Neuzüchtungen, denen man Züchtungsbemühungen ruhig ansehen darf

Schleierkraut, Frauenmantel, Elfenblume, Maiglöckchen, Blauregen, Glockenblume, Rittersporn, Krötenlilie, Kokardenblume; locker gefüllte oder mehrfarbige Rosen (’Tibet Rose’; ’Broceliande’); Königs- und Madonnenlilien, Kornblumen, Kirsche, Quitte, Schneeglöckchen, weiße Christrosen, Hyazinthen

Wasser

Blauviolett
Grün
Türkis
Grau
Creme
Aprikot

Blüten mit denen man eine Dualität schaffen kann (violette Salvien – zartfarbene Lilien); alle Wasser- und Uferpflanzen; weiß- und graulaubiges; Romantisches und Mystisches, Arzneipflanzen Pflanzen „zwischen den Welten“; schillernde Blüten; Blattformen und -zeichnungen, die Ränder verwischen, sich auflösen lassen; Pflanzen mit Bezügen zum Mond

Sehr helle Rosen (’Ambiente’; ’Felidae’), Taglilien (’Light the Way’, ’Frances Fay’) und einfache bis locker gefüllte Päonien (’Claire de Lune’), Iris, Seerose, Salbei, Stachys byzantina, Narzisse, Blaukissen, Polsterglockenblumen, Birne, Feige, Holunder, Eisenhut, Fingerhut, Veilchen, Vergissmeinnicht, Kaukasusvergissmeinnicht, Primeln


Und wie gehe ich in der Verwendung dieser Pflanzen mit der Zuordnung zu den Elementen um? Keine Sorge! Meist kombiniert man bereits intuitiv entweder die Pflanzen nach persönlichen Vorlieben oder ergänzt Pflanzen verschiedener Elemente zu einem ausgewogenen Miteinander. Wer gezielt gestalten will, kann sich seinen Garten nach den Himmelsrichtungen ausrichten, und Pflanzen des jeweils zugehörigen Elementes dort platzieren.

Zu guter Letzt in diesem Beitrag noch ein sehr wichtiger Aspekt – wenn nicht der wichtigste überhaupt.

Die vier Elemente beschreiben die Substanz des Lebens, sozusagen die Manifestation der kosmischen Bausteine zu irdischen Wesen. Die Auswirkungen lassen sich in erster Linie mit unseren Sinnen erfassen. Doch wir alle wissen, dass das Leben über das sinnlich Erfassbare hinaus reicht, wie die Alchemie zeigt. Bereits im Altertum fügten Philosophen ein fünftes Element hinzu; Aristoteles sprach vom „Aither“ als Quintessenz der Elemente, während die Stoiker das „Pneuma“ als eine Art aktive Kombination von Feuer und Luft ergänzten.
Vielleicht ist das gesuchte fünfte Element abseits tiefer philosophischer Gedankengänge noch wesentlich einfacher zu finden.

Wer ein Cineast ist, ahnt vielleicht, worauf dieser Gedankengang hinaus läuft, denn der bekannte Science-Fiction-Film „Das fünfte Element“ legte die Spur. Lässt man einmal allen Bombast-Ballast einer modernen Action-Verfilmung weg, bleibt als „fünftes Element“ in Erinnerung: Die Liebe. Was wären alle Elemente, wenn sie nicht durch die Liebe beseelt sich zum wahren Wesen zusammen fügen würden?
Ich will mich damit definitiv nicht in die Reihe des Apostels Paulus stellen, der mit einer ähnliche Fragestellung in seinem zweiten Brief an die Korinther fast penetrant die Liebe als Nonplusultra des Handelns in die Köpfe seiner Leserinnen und Leser einhämmern wollte.
Das Ganze ist viel schlichter und viel wahrhafter – die Liebe ist einfach da. Sie ist der Kitt, der unsere Elemente und unser Leben zusammen hält. Dem Vorwurf des Kitsches und des Pathos setze ich mich mit diesem naiven Credo sehr gerne aus. Mit einem Augenzwinkern bitte ich jeden Skeptiker dann noch um eines: Sehen Sie sich bitte ein gelungenes Gartenbeet etwas genauer an. Ganz sicher spüren Sie, dass es mit Liebe zusammengestellt wurde und behandelt wird. Nur so kann es weiter dieses elementare Gefühl nach dem wir uns stets und ständig sehnen, wieder ausstrahlen.

Es ist immer das Gleiche: Im Garten geht es genauso zu, wie im richtigen Leben!


Andreas Barlage, „schreibender Gartenenthusiast“ lebt in Neuss