Vom Hüten und Bewahren
Was war eher da? Der Garten – oder die ersten
Lebensgemeinschaften der Menschen, die ihr Nomadentum aufgegeben
hatten, um sesshaft zu werden? Fest steht: Das eine geht nicht
ohne das andere. In unserem kollektiven Gedächtnis ist der
Garten jedenfalls tief verwurzelt. So tief, dass zumindest einer
der beiden biblische Schöpfungsmythen in einem Garten
lokalisiert ist. Bereits die Beschreibung in der Genesis
veranschaulicht sehr gut das Wesen eines Gartens. Eden war
nämlich ein begrenzter Ort. Es waren allerdings keine Hecken
oder Mauern, die ihn umschlossen, sondern vier Flüsse. Der
Schöpfer handelt nun einmal im eher großen Maßstab – dafür aber
sehr konsequent und ausgesprochen vielfältig, einfallsreich und
akribisch detailverliebt.
Hier wären wir bei einem zweiten wesentlichen Merkmal eines
Gartens: Er besteht niemals aus einer Monokultur (ganz im
Gegensatz zu etwa einem Getreidefeld). Stets wachsen sehr
unterschiedliche Pflanzen in ihm. Und selbst Tiere waren
Gartenbewohner. Und wer war der Gärtner? Anfangs sicher nicht
der Mensch. Er dämmerte in einer Art vorbewusstem Schlaf dahin,
bis ihm klar war, dass er ein Gegenüber auf Augenhöhe vermisste.
Bekanntlich trat dann der zweite Mensch auf dem Plan –
unterschiedlich und doch wesensgleich – und die geistige
Entwicklung war nicht mehr aufzuhalten. Jede Erkenntnis zieht
das Bedürfnis nach dem Durchschauen weiterer Zusammenhänge nach
sich. Hier leitet der biblische Bericht über in die Beschreibung
fortschreitender Geistesgeschichte, inklusive Irrungen und
Wirrungen. Kein Wunder, dass Eden da immer unwichtiger wurde.
Aber stimmt das eigentlich?
Sehnsucht nach dem Paradies
Die Schöpfungsgeschichte berichtet weiter, dass die Menschen ihr
Paradies verloren – oder haben sie es lediglich gegen den Weg in
die Erkenntnis eingetauscht? Zumindest vermissen sie den
überschaubaren Garten, dem sie entwachsen sind. (Ein Vermissen,
das dem Hinterhertrauern des Elternhauses gleicht; auch das
musste jeder von uns verlassen, um auf eigenen Füßen zu stehen
…). Sei es drum - man merkt erst beim Verlust, wie wichtig das
Verlorene tatsächlich ist. Die Sehnsucht nach dem Garten in dem
einst alles im Lot war, hat die Menschen seither nicht mehr
losgelassen. Schließlich war man dort sicher und bestens
versorgt; selbst die Tiere taten weder den Menschen etwas
zuleide, noch gefährdeten sie die ausreichende Ernte an allem
Nahrhaften. Und so taten die Menschen seit alters her das
Naheliegenste: Sie schufen sich etwas, das dem Verlorenen ähnelt
und kreierten ihre Gärten. Allen Gärten gemeinsam ist, dass ihre
Räume nach außen hin abgegrenzt sind und inmitten sich ihr
Reichtum entfaltet. Gärtnerisches Talent zeigt sich im Schutze
eines Zaunes, einer Mauer, einer Hecke oder ein sonstwie
gestalteter Begrenzungen.
Was ist eigentlich ein Garten
Im Orient sowie auch in Ägypten waren solche Gärten bekannt. Für
das Gros der Bevölkerung dienten sie vorwiegend für den Anbau
von Gemüse und Früchten. Fast immer boten sie Schatten und
Rastplätze – und meist hatten sie eine Wasserstelle oder
Wasserquelle. Nicht nur Pflanzen fanden Schutz im Garten; auch
Menschen zogen sich dorthin vor der sengenden Sonne zurück oder
genossen die Stunden von der Dämmerung bis hin zur Nacht. Mehr
und mehr geriet der Erholungseffekt in den Vordergrund zumindest
betuchter Menschen, und die ersten Lustgärten entstanden.
Gewöhnlich waren diese Gärten Atrium-Gärten inmitten eines
Hauses, oder grenzten direkt am Wohngebäude an und waren mit
einer dicken, hohen Mauer umgeben. Sehr viel später übernahmen
die Römer das Konzept des umbauten Gartens in ihren Villen und
großen Stadthäusern; ein erster Höhepunkt gärtnerischen
Schaffens war damit erreicht.
Natur und Kultur
Die Vorstellung vom irdischen Paradies als Garten ist uns zwar
durch die Bibel vermittelt – doch längst nicht in allen Kulturen
war ein umfriedetes Gärtlein das Nonplusultra an vollendeter
Lebensfreude. Die Griechen der Antike sahen die Sache etwas
pragmatischer; für sie waren die Gemüsefelder eher Mittel zum
Zwecke des Nahrungserwebs. Ihre wichtigsten Kulturpflanzen –
Weinstock und Olivenbaum – brauchten viel mehr Platz, als etwa
ein Garten am Haus bieten könnte. Solche Haine hingegen als
heilig. Meist waren sie Apollon, Dionysos oder Athene geweiht.
Es galt, selbst in kriegerischen Zeiten, als ungeheuerlicher
Frevel, etwa einen Olivenhain zu zerstören; schließlich brauchte
es mindestens eine Generation, ihn aufzubauen. Gewissermaßen
bildete der Glaube an die tadelnde Gottheit einen Schutz für
diese Mega-Gärten. Funde (alt-)griechischer Gärten sind kaum
überliefert. Vielleicht war das Lebensgefühl der Menschen damals
umfassender, und für sie war die ganze Welt, die Natur, ihr
Garten. Jeder weiß durch die zahlreichen Sagen, dass die
Griechen Pflanzen sehr genau beobachteten und liebten – von der
Narzisse zur Rose, vom Lorbeer zum Eisenhut. Lediglich eine
Andeutung für einen Garten gibt es – den Hesperidengarten in dem
die Äpfel gehütet wurden, die ewige Jugend verliehen. Ist es
nicht eine erstaunliche Parallele zu Eden? Der Hesperidengarten
lag dem Mythos nach dort, wo die Welt ein Ende hat. Vermutet
wurde er in Afrika … liefert das nicht möglicherweise einen
weiteren Hinweis auf die orientalische Herkunft des Gartens?
Hortus conclusus
Das mittelalterliche Abendland hatte als Nachfolger des
römischen Weltreiches hinsichtlich gärtnerischer Kultur erst
einmal wenig zu bieten. Lediglich Klostergärten und Gärten
kaiserlicher Meiereien können als Nachweise gelten. Im Laufe der
Jahrhunderte, etwa im ausgehenden Mittelalter zeigten sich
abgeschiedene Gärten in zahlreichen Kunstwerken, wie
Buchillustrationen, Wandteppichen oder Gemälden: Der Hortus
conclusus wurde zum Idealbild eines Gartens. Meist fand sich
dort eine verträumte Jungfer, die ein Einhorn zähmte oder es
lustwandelten fröhliche junge Menschen darin. Sehr oft ruhte in
besinnlicher Manier die Ikone der Weiblichkeit – Maria die
Mutter Jesu – oder eine ähnlich unerreichbare Dame, der man aus
der Ferne seine Minnedienste leistete, in einem solchen Garten.
Umgeben von passenden, sprich symbolträchtigen Blumen, versteht
sich. Solche Klassiker sind neben Rosen und Lilien
beispielsweise die Iris, Akeleien, Veilchen, Erdbeeren,
Maiglöckchen oder gelegentlich auch die Pfingstrose. Der Hortus
conclusus war eine Metapher für das Lebensgefühl
mittelalterlichen Menschen. Man wollte sich versenken in fromme
Gedanken und der Hang zur Mystik war durchdrungen von der
Sehnsucht nach Gott. Eine beschützte, gefahrfreie und zugleich
inspirierende Umgebung ist dafür natürlich ideal.
Spiegelbild der Seele?
Doch das mittelalterliche Denken wandelte sich – und mit ihm die
Gärten. Menschen wollten sich zeigen, sich darstellen.
Renaissance – und vor allem die Barock-Gärten sind völlig anders
aufgebaut. Offen, repräsentativ und höfisch raffiniert. Später
kamem englische Landschaftsparks in Mode, während in der
Biedermeierzeit kleinere Gärten durchaus auch geschätzt wurden,
passten sie doch zur betulichen Sehnsucht nach dem trauten Heim.
Während der Gründerzeit gab es Mischformen aus pompöser
Zurschaustellung von Pflanzenkostbarkeiten und schlossartige
Ornamentik. Legere Cottage-Gärten mit den „mixed Borders“ wurden
im 20. Jahrhundert modern, nach den Weltkriegen setzten sich
Koniferen und Gräser für ein, zwei Jahrzehnte durch und heute
registrieren wir eine Vielfalt (oder Inflation?) der
Gartenstile. Wie bei der Architektur, der Kleidung und den
Frisuren schlägt sich in der Gestaltung immer wieder der
Zeitgeist nieder.
Aber was soll man dann zu den gestalterischen Wüsten sagen, die
mittlerweile durch Baumarkt-Angebote definiert wurden? Was ist
mit den Kirschlorbeer- und Scheinzypressenhecken, die nur
blickdicht sind und unverändert sommers wie winters dastehen?
Welche Ausstrahlung haben Bepflanzungen, denen man auf den
ersten Blick ansieht, dass sie lediglich pflegeleicht sein
sollen? Wo ist die Liebe zu den Pflanzen und zum Hüten und
Bewahren geblieben, die einen wahren Gärtner auszeichnet
angesichts der Fix-und-Fertig-Pflanzen aus dem Supermarkt?
Sollte nicht der Spiegel unserer Seele ein Abbild der Hoffnung
auf unser eigenes Paradies sein?
Ganz gleich, ob der Garten klein ist, oder groß. Immer, aber
auch immer hat er Grenzen innerhalb derer wir als gärtnernde
Menschen entscheiden, wer und was dort hinein kommt. Es ist an
uns, gegen was wir ihn (und uns) abschirmen. Wir sind nicht
verpflichtet Gentechnik oder Pflanzen aus Fabriken dort zu
akzeptieren. Noch gibt es genug Alternativen, die wir durch
unsere (Kauf-)Entscheidung erhalten können. Ein Garten ist seit
Anbeginn ein Gegenentwurf zu „harten“ äußeren Realitäten
gewesen. Anfangs war es die Wildnis, gegen die man sich
abschotten musste – heute haben wir Menschen unsere Wildnis
selbst kreiert und können sie uns wenigstens dort vom Leibe
halten. Als unverfügbarer Raum kann ein Garten mit uns aufblühen
und eine auf allen Ebenen wohltuende Wechselwirkung unserer
Seele und dem Stückchen Erde kommt in Gang. Wer einen Garten
hütet und bewahrt, kümmert sich auch um sich, denn Paradiese
schaffen wir uns immer selbst.
Andreas Barlage, München |